Niklaus Schmid


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Teil 14: Die Fremden bringen Unruhe


Schon gibt es unter den deutschen Formentera-Süchtigen einige, die sich zu einer Entziehungskur entschlossen haben, die ganz wegbleiben oder nur noch außerhalb der Saison kommen.

Nein, nichts gegen die italienischen Touristen, beteuern sie ungefragt, aber die hätten nun mal einen anderen Tagesrhythmus: Abendessen um Mitternacht, anschließend Strandparty, zurück ins Hotel gegen Morgengrauen. Das sagen Leute, die gern Fahrrad fahren möchten, ohne von Motorrollern überholt zu werden, die gern nackt ins Wasser springen, ohne sich dem Vergleich mit den jungen Menschen aus Mailand und Turin unterziehen zu müssen.

Was sagen die Einheimischen zu diesem neuen Wandel? Sofern sie einen Rollerverleih haben oder ein Lokal betreiben, das noch nach Mitternacht Pizzas auf den Tisch bringt, sind sie wohl zufrieden. Und dass die Italiener für ein Haus oder eine Wohnung fast jeden Preis zahlen, stört natürlich auch nicht, solange man selbst etwas zu vermieten hat.

So war das wohl schon immer seit phönizischen Zeiten: Die Fremden brachten andere Gewohnheiten, sie brachten Unruhe auf die Insel; doch wahr ist auch, dass die Formenterenser von allen Invasoren immer auch ein wenig profitiert haben.


An die angeblich goldenen Zeiten, die ohne Tourismus, können die Alten sich noch gut erinnern.

"Viele wanderten nach Südamerika aus", erzählt Mariano Simon. Er wohnt auf dem Cap de Barbaria, ist über neunzig und der letzte Formenterenser, der Körbe aus Espartogras herstellt.

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Teil 15: Schöne Ecken - abseits, außerhalb der Saison

Früher hat er in den Salinen gearbeitet, ein Knochenjob. Aber andere Arbeit gab es damals nicht. In nahezu jeder Familie musste ein Mann zur See fahren, weil der karge Inselboden nicht alle Bewohner ernähren konnte.

Während die Männer von Ibiza meist afrikanische Häfen ansteuerten, fuhren die Formenterenser bis Kuba und Paraguay. Elf Monate waren die Männer auf See, auf fremden Schiffen, nur über Weihnachten kamen sie für ein paar Tage nach Hause. "Das Leben war hart, aber heute gibt es auch Probleme."

Andere eben. Soll ich jetzt über den Müll reden, über die Unruhe während der Sommermonate, über Bauernhäuser, die bis zur Hässlichkeit modernisiert wurden? Nein, es gibt sie noch, die schönen Ecken, abseits der Asphaltstraße, außerhalb der Saison.

Auf der Hochebene La Mola steht nur eine einzige Touristenunterkunft, die Südspitze des Cap de Barbaria ist unbewohnt, und Formenteras Strände gehören nach wie vor zu den schönsten der Balearen, vielleicht des Mittelmeers.

Natürlich hat sich das längst bis zur Schwesterinsel herumgesprochen. Verständlich also, dass in den Sommermonaten am nördlichen Illetes-Strand und in der Bucht der vorgelagerten Insel Espalmador die Jachten und Ausflugsschiffe aus Ibiza ankern.



Nicht so am sechs Kilometer langen Südstrand, der Platja de Migjorn, weil der Weg dorthin für die Boote weiter ist.

"Manchmal genügt es sogar, wenn man sich antizyklisch verhält", wie ein Formentera-Kenner rät, "morgens bis zehn, elf Uhr findest du in der schönen Bucht Cala Saona selbst in der Hochsaison noch ein ruhiges Plätzchen."


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Teil 16: Orchideen und Gartenschläfer mit Maske

Stimmt, und wem das nicht reicht, der muss eben im Winter kommen. Dann ist Formentera für Monate wieder das, was die Insel früher übers ganze Jahr hinweg war: ein Fluchtpunkt der Einsamkeitssucher. Im Winter gehört die Insel wieder den Einheimischen und den Eidechsen.

Da fällt mir ein: Bis jetzt habe ich noch nichts über die Tierwelt geschrieben. Nicht so schlimm, denn sie unterscheidet sich nur wenig von der auf der Nachbarinsel. Einzigartig, weil auf Ibiza bereits ausgestorben, ist der possierliche Gartenschläfer
Eliomys quercinus ophiusae. Diese Siebenschläfer-Unterart, die größte der Welt, trägt eine schwarze Augenmaske und hat eine auffällig weiße Schwanzquaste.

Hübsch und größer als ihre Artgenossen auf Ibiza sind auch die Eidechsen mit ihren türkisfarbenen Flanken; die
Podarcis pityusensis formenterae kommt einzig auf der Welt nur hier vor. Und die Pflanzen? Es gibt, was nur wenige vermuten, eine ganze Reihe von Orchideen, und in den Dünen und an den Salzseen wachsen einige endemischen Pflanzen. Die Namen?

Ach, nicht so wichtig an dieser Stelle. Erwähnen aber möchte ich die zahlreichen Rosmarinsträucher und die Thymianbüsche, weil sie, zusammen mit den Pinien und dem Geruch nach Salzwasser, die typische Formentera-Duftmischung ergeben.

Von den Sehenswürdigkeiten der Insel habe ich auch noch nicht gesprochen.




Nun, es gibt keine - zum Glück, möchte man sagen. Die drei Kirchen der Insel sind bei weitem nicht so eindrucksvoll wie die ibizenkischen Wehrkirchen; die Fincas, die im Gegensatz zu den casas auf Ibiza oft Schrägdächer haben, sind längst nicht so alt.

Die drei Dörfer mit ihren planlos hingestellten Neubauten lassen Architekten aufstöhnen und Hobbyfotografen, auf der Suche nach einem markanten Motiv, über eine Insel hasten, die eigentlich zur Langsamkeit verführen sollte.



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Teil 17: Zum Schluss in guter Gesellschaft


Daher sagen nicht wenige Besucher, die für einen Tagesausflug von Ibiza kommen, am Nachmittag: Formentera - tja, das war's dann wohl.

Ist das in Ordnung? Aber ja doch! Tatsache ist aber auch, dass es viele Besucher gibt, die bereits seit zwei Jahrzehnten kommen und immer wieder etwas Neues entdecken. Ein Resident hat es mal so ausgedrückt: "Formentera ist unspektakulär und klein, aber ganz groß in Kleinigkeiten."

Und genau darin liegt womöglich auch der Zauber der Insel.
Mehr wird nicht verraten. "Nur so wenig?", werden Formentera-Freunde bemängeln. Wieder einmal wurde ihre Lieblingsinsel nur an das größere, viel berühmtere und schillernde Ibiza angehängt.

Gemach! Auch der Anteil, den Formentera in Ludwig Salvators siebenbändigem Klassiker
Die Balearen in Wort und Bild einnimmt, ist sehr gering, ein paar tausend Seiten für Mallorca, für Ibiza immerhin noch hundert, für Formentera gerade mal sechs.

Also, Freunde, gemach! Wir befinden uns in guter Gesellschaft.

E n d e
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Aktualisiert am 1. Dezember 2017 | kontakt@niklaus-schmid.de

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