Niklaus Schmid


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Finderlohn

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Finderlohn für Max

Der Mann

Was für ein Kaff!
...Nun, sein Kumpel hatte ihn gewarnt: „Kannst meine Bude in Wardenburg für eine Weile haben, aber denk dran, da leben Bürger der soliden Sorte, die den Müll trennen und Fremden gegenüber eher zurückhaltend sind. Für dich bedeutet das Einsamkeit und Langeweile und dass du dort keine Chance haben wirst, deine Kasse aufzufrischen.“
...Und wenn schon, hatte er gedacht. Hauptsache, eine Weile raus aus der Schusslinie.
...Deshalb war er jetzt hier in Wardenburg. Die Unterkunft war umsonst und fürs Essen und Trinken würde das Geld reichen. Doch wie lange noch? Die Jungs mit den breiten Schultern, sie waren ihm schon auf den Fersen, ganz dicht sogar. Schnell musste sich da was ändern. Aber wie? Er kam ja nicht einmal weg, denn sein schöner Jaguar XJ stand im Hinterhof der Geldeintreiber, als „Sicherheit“ hatten sie gesagt.

*

...Um überhaupt mal aus diesem bescheuerten Wardenburg rauszukommen, hatte er sich ein Fahrrad geliehen und war in den Naturpark Wildeshauser Geest gefahren. Wälder, Wiesen, Hecken und Hügelgräber, dann wieder sandige Flächen und Moore, wo allerlei Vögel zwitscherten und Insekten umherschwirrten. Natur eben. War eher was für Wanderer oder Spaziergänger, manche waren mit einem Hund unterwegs, andere ohne. Er hörte fernes Kinderlachen, Hundebellen, lautes Rufen – und plötzlich kam ihm ein Gedanke …
...Drei Tage hatte er inzwischen die Frau mit dem großen Hund beobachtet. Er hatte gesehen, wie sie mit

dem Hund sprach und ihm kleine Kunststücke beibrachte, wie sie ihn lobte und oft auch regelrecht herzte. Die Frau war nicht mehr jung, aber immer noch recht attraktiv. Sie hatte eine zierliche Figur, blondiertes Haar und trug teure Sportkleidung. Ihren Gelände- wagen, einen Mercedes neues Modell, hatte sie bei den Büschen und Bäumen am Flussdeich abstellt.
...Ja, dachte der Mann, genau die Richtige. Ob es da wohl auch ein Herrchen gab, einen Ehepartner oder Freund, irgendetwas in diese Richtung? Egal, heute würde er sie ansprechen, in der zwanglosen Art, wie Hundebesitzer das untereinander tun.

**

...Er ging auf sie zu. Beim Näherkommen nahm er seinen Hund, einen Mischling von schmutzig grauer Farbe, an die Leine. Als er mit der Frau auf gleicher Höhe war, sagte er: „Besser ist besser. Meine Flocke ist klein, aber nicht ohne. Manchmal ein wenig zickig, Weibchen eben. Und Ihrer?“
...„Rüde, heißt Max, ist, wie Sie sehen groß, aber sehr verträglich.“
...„Na, dann.“ Der Mann machte seine Hündin von der Leine los. Die Hunde beschnupperten sich. Der Rüde, ganz angetan von der neuen Begegnung, wollte von Flocke gar nicht mehr ablassen.
...„Max wird ja regelrecht lästig, ich sollte ihn besser anleinen“, schlug die Frau vor.
...„Ach, lassen Sie die beiden doch spielen“, sagte der Mann und zog eine Zigarettenschachtel hervor. „Stört es Sie?“ Als die Frau die Schultern hob, fuhr er fort: „Bei den neuen Gesetzen kann man ja froh sein, noch im Freien rauchen zu dürfen.“ Er hielt der Frau die Schachtel hin.
...„Nein, danke, ich hab’s mir abgewöhnt.“

...„Wollte ich auch, habe es ein Dutzend Mal
versucht. Therapien, Seminare, Pillen – nichts zu machen. Vielleicht verraten Sie mir, wie Sie es geschafft haben.“
...„Ja, vielleicht.“ Die Frau rief den Hund, der das Interesse an Flocke verloren hatte und jetzt irgendwo in den Büschen steckte; man konnte ihn vor Jagdeifer aufjaulen hören. „Er ist wohl hinter einem Wildkaninchen her. Da überhört er schon mal mein Rufen.“
...„Ist eben ein Kuvasz, der denkt und handelt nach eigener Nase.“ Der Mann blies den Rauch aus. „Und ist folglich nicht so gehorsam wie ein Deutscher Schäferhund, aber ebenso treu ergeben.“
...„Ja, stimmt.“ Die Frau war sichtlich beeindruckt. Sie rief: „Max! Max, hier! Komm her!“ Endlich gehorchte der Hund.
...Der Mann trat die Kippe in den Boden. „Vielleicht sieht man sich ja mal.“
...„Ja, vielleicht.“

***

Die Frau

Manchmal, wenn Fiona Seidel abends im Bett lag und der Schlaf nicht kommen wollte, ließ sie den Tag Revue passieren. Sie versuchte dann aus dem Einerlei, aus dem ihr Tagesablauf bestand, die positiven Momente herauszufiltern. Meist gab es da nicht viele. Heute empfand sie als angenehm die Begegnung mit dem Hundehalter, einem Neuling im Revier an der Hunte. Mit seinem dunklen Sakko, das sich über dem Bauch spannte, und den graumelierten Haaren, machte er einen gemütlichen Eindruck, recht gut sah er aus, höflich war er und seine Flocke absolut süß.
...Es hatten sich in der Zeit, in der sie allein lebte, so einige Hundebekanntschaften ergeben. Meist waren es Frauen gewesen, deren Namen sie nicht mal erfuhr, und denen sie deshalb in ihrer Erinnerung Spitznamen verpasste. Da gab es die Surferin, die einen Riesen-
schnauzer hatte, der immer so verrückt an der Leine zog, dass es aussah, als ob sie mit ihm durch das Gras surfte. Oder die Mutti, die mit ihrem Pudel wie zu einem Baby sprach. Lass das, Männlein, das hab ich dir doch schon tausend mal gesagt. Komm, sonst wird Mama böse.
...Mit ihr und den anderen Hundebesitzern hatte Fiona stets ein paar Worte gewechselt, und das war’s dann gewesen.

...Selten war es zu einem etwas längeren Gespräch wie heute gekommen. Vielleicht weil der Mann eine Zigarette geraucht hatte, überlegte Fiona. Und weil er erwähnt hatte, dass es ihm schwer fiel, von diesem Laster loszukommen. Ihre eigenen Erfahrungen kamen ihr in den Sinn.
...Nach allerlei Therapien und mithilfe von Mitteln aus der Apotheke hatte sie zunächst die Menge der Zigaretten von zwanzig auf zwei reduziert, eine nach dem Abendessen und eine vor dem Einschlafen. Und vielleicht wäre es bei diesem Genussrauchen geblieben, wenn sie nicht eines Tages mit brennender Zigarette eingeschlafen und nur von ihrem Hund vor einer Rauchvergiftung gerettet worden wäre.
...Max, der Gute, der Treue, der Starke, er war es gewesen, der sie samt der glimmenden Überdecke aus dem Bett und bis zur Schlafzimmertür gezerrt hatte. Geliebt hatte sie das Tier schon immer, aber jetzt bewunderte sie es; und im Nachhinein war sie froh, dass sie sich damals, als ihr Mann gestorben war und sie sich in dem Haus allein fühlte, für diesen großen Rüden entschieden hatte, und nicht für einen Schoßhund.

Fortsetzung folgt...

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Aktualisiert am 1. August 2017 | kontakt@niklaus-schmid.de

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