Niklaus Schmid


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Goldstück

Neue Story Nr. 3<<<


Mein Goldstück


Spielen Sie Lotto? Dann sollten Sie mal gut zuhören. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist äußerst wichtig. Es kann über Leben und Tod entscheiden. Zweifeln Sie nicht an meinen Worten. Das hat meine Frau auch getan; gelacht hat sie über mich — bis ihr das Lachen im Halse stecken blieb. Und genau in diesem Augenblick hat sie mich ernst genommen, zum ersten Mal nach vielen Ehejahren. Ein bisschen spät, finden Sie nicht auch?

I.

Es begann an einem Tag wie jedem anderen: Der Fernseher lief, das Abendessen hatte aus belegten Broten bestanden, meine Frau hielt die Fernbedienung im Schoß, und ich blätterte in einer Zeitschrift. Ein ganz normaler Feierabend, wie gesagt, bis ich dann auf diesen Artikel stieß.

*

Da meine Frau beim Fernsehen nicht gern gestört wird, gleichzeitig aber neugierig ist, zog ich, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, anerkennend die Luft durch die Zähne, einmal und noch einmal.
...„Du nervst, Hermann, hör mit dem blöden Zischen auf!“
...„Entschuldigung, Helga, Sekunde nur, aber ich denke, das hier wird dich interessieren.“ Ich las ihr die fett gedruckten Zeilen vor: „Lottoglück für jedermann. Völlig neues Gewinnsystem …“ Weil sie zum Fernseh-
apparat deutete, senkte ich die Stimme: „… Wissen-
schaftlern ist es gelungen, ein revolutionäres …“
...Weiter kam ich nicht. Sie hatte zugeschlagen, mit dem langen Zimmermannsbleistift, den sie immer benutzt, um die Gewinnzahlen auf ihrem Lottoschein einzukreisen.

Es stimmt, die Lottoziehung hatte gerade angefangen. Aber war das ein Grund, mich wie eine lästige Fliege zu klatschen?
...Ich rieb mir den Handrücken und schaute wieder in die Zeitschrift. Es war eine dieser getarnten Anzeigen, die erst auf den zweiten Blick als Werbung zu erkennen sind. „Sechs Richtige!“, jubelte da ein Leserbrief-
schreiber. „Jetzt brauche ich mich nicht mehr schikanieren zu lassen, von keinem Menschen, jetzt bin ich mein eigener Herr.“ Von „persönlicher Freiheit“ war die Rede, von einem „Spiel ohne Risiko“. Ich las den Text ein weiteres Mal, und auf einmal bekamen die Worte für mich eine völlig neue Bedeutung.
...Als die Ziehung der Lottozahlen vorbei war und Helga den Ton leiser gestellt hatte, räusperte ich mich:


**

...„Hast du was gewonnen?“
...Statt einer Antwort zerknüllte sie den Lottoschein.
...„Also, wieder nichts mit der Million. Tut mir leid für dich, Helga.“
...„Hör auf!“, knurrte sie. Doch ich ließ mich nicht einschüchtern.
...„Was ich eben noch sagen wollte: Bei uns in der Verwaltung, da spielt einer nach solch einem neuen wissenschaftlichen System, Computerauswertung und so.“
...„Na und! Ist der etwa Millionär?“
...„Das nicht, aber zweimal hat er in letzter Zeit vier Richtige gehabt.“ Als sie keine Reaktion zeigte, sprach ich weiter: „Ist nicht billig so ein System. Aber der Kollege schuldet mir noch einen Gefallen; ich könnte ihn mal fragen, ob er…“
...„Geschenkt! Du weißt doch genau, dass ich seit Jahren einen Standardtipp habe. Die Zahlen krieg ich nie mehr aus meinem Kopf raus. Und da sollte ich


die
Zahlenreihe wechseln?“ Sie schnaufte unwillig.
...„Verstehe. Vielleicht sollte ich es dann mal mit diesem System versuchen.“
...Ich sah, wie sich ihre Augen verengten. Langsam erhob sie sich aus dem Sessel, näherte sich und stand dann bedrohlich neben mir.
...„Du? Was würdest du denn mit dem Geld anfangen können? Eine Weltreise? Schöne Frauen in Rio? Ach, humpeliges Hermännlein!“ Sie lachte schadenfroh. Dabei spitzte sie den Mund in der Art, wie man zu kleinen Kindern spricht. „Fürs Bier langt’s doch. Oder fehlt dir was?“
...„Nein, nein, Helga.“
...„Na, also.“ Und nach einer Weile, milde gestimmt durch meine Unterwürfigkeit, sagte sie: „Kannst ja mal die Zahlenreihen von deinem Kollegen mitbringen.“
...„Mach ich.“

***

Am übernächsten Tag war Kegelabend. Ich bin kein begeisterter Kegler, aber es ist der einzige Tag der Woche, an dem ich mit gutem Grund später nach Hause kommen kann. Auch fördert es den Umgang mit den Kollegen. Schon deshalb könnte ich mich nicht ausschließen. Das heißt, in Wirklichkeit muss ich ja froh sein, dass sie mich mitmachen lassen; ich mit meinem Bein bin schließlich nicht der eleganteste Spieler.
...Als Kollege Dankert aus der Verwaltung einen Kranzwurf hinlegte, sagte ich: „Das war eine tolle Kugel, Dirk.“
...„Wenn du als unser Pudelkönig das sagst.“
...„Die Pudelrunde zahle ich, kein Thema.“ Nachdem ich der Bedienung meine Bestellung zugerufen hatte, sagte ich: „Was ich fragen wollte: Du arbeitest doch an einem Computer?“
...„Soll ich dir die Fahrstrecke ausrechnen? Oder einen Plan machen, wo du vor den Haltestellen bremsen musst?“

...Ich sagte ihm, dass ich gern einen Papierausdruck hätte, so zwei, drei geheftete Blätter mit Zahlen-
kolonnen drauf. Es sei für ein Spiel.
...Die anderen Kollegen riefen schon. Ich war an der Reihe. Als ich mir eine der kleineren sogenannten Frauenkugeln schnappte, rief Dankert mir nach: „Hau rein in die Vollen! Und mit dem Ausdruck, das geht in Ordnung.“

*

In den folgenden Wochen fuhr ich wie eh und je die Linie 901, fühlte mich aber wie ein Wissenschaftler, der ein Insekt beobachtet. Helga spielte mit den neuen Zahlen, die ich ihr gab. Zum allerersten Male während unserer fast zwanzigjährigen Ehe tat sie, was ich wollte. Es war ein berauschendes Gefühl. Nur eine Kleinigkeit fehlte noch, um mein Glück vollkommen zu machen: sie sollte wissen, dass sie nach meiner Pfeife tanzte.

.

****

...Das tat sie schließlich, auch wenn es nach außen hin nicht danach aussah.
...„Hermann, hör mal gut zu!“, begrüßte sie mich nach einem Arbeitstag, an dem zwei Schwarzfahrer den Kontrolleur und auch mich als uniformierte Würstchen bezeichnet und ein Stadtstreicher mir sein Essen über die Schuhe gespuckt hatte.
...„Ja, Helga?“
...„Drei Wochen spiele ich nun mit deinen bescheuerten Computerzahlen. Und was ist? Nix ist! In meinem Standardtipp hätte ich heute drei Richtige gehabt.“
...„Aber, Helga, da wären doch höchstens vier Euro fünfzig rausgekommen. Was ist das schon gegen die Aussicht, bald ein paar Hunderttausend einzusacken!“
...„Bald, bald! Wann ist bald, Hermann, wann?“
...„Das System muss erst greifen, hat mir mein Kollege eingeschärft. Es gibt Millionen und Abermillionen von

Möglichkeiten, die der Computer alle durchrechnen muss. Der vergleicht die Zahlen, die häufiger gezogen wurden, mit denen, die weniger vorkamen. Optimierung zur Minimierung nicht glatter Funktionen, oder so. Das sei wie mit Pfeffer und Salz, hat mir mein Kollege erklärt.“
...„Pfeffer und Salz?“ Sie beäugte mich misstrauisch, und an ihren Augen sah ich, dass sie drauf und dran war abzuspringen.
...„Ja, wie Pfeffer und Salz. Also, an und für sich hätte jedes Korn seine eigene Chance, wo es beim Streuen zu liegen kommt — zum Beispiel könnten hundert Körner Salz zusammenliegen —, aber schließlich ergebe es doch immer ein fast perfektes Gemisch. So sei das nun mal bei Pfeffer- und Salzkörnern und eben auch bei den Lottozahlen. Denn im Hyperraum der unendlichen Rechenoperationen …“


*****

...„Quatsch nicht so kariert, Hermann! Wann? Wann?“
...Während ich Thermosflasche und Butterbrotdose aus der Aktentasche nahm, überlegte ich eine Weile. Mit Überzeugung sagte ich schließlich: „In fünf oder sechs Wochen, Helga.“

*

Und es kam der große Tag. Heute würde sie anerkennen müssen, wer von uns beiden das Köpfchen hatte. In bester Laune erledigte ich meine Arbeit, machte ältere Fahrgäste auf die Haltestellen aufmerksam, weil sie die Lautsprecherdurchsagen oft nicht verstehen, und wünschte ihnen beim Aussteigen einen guten Tag.
...Ich fühlte mich, als säße ich am Steuer einer Luxuslimousine. Kein Ruckeln beim Anfahren, kein Kreischen in den Kurven, kein Bocken beim Anhalten; wie auf Katzenpfoten zog die 901 ihre Bahn. Kaiserberg, Schweizer Straße, Lutherplatz — dann kam der Fahrerwechsel. Danach ging ich ins Depot, wechselte die Klamotten und schaute noch kurz ins Pförtnerhäuschen, wo ich das Telefon benutzte.
...„Was kriegst du für den Anruf, Akif?“

...„Ach, ist schon in Ordnung, Hermann. Betriebskosten.“
...Ich bedankte mich. Als ich die Tür hinter mir zuziehen wollte, sagte Akif: „Nicht ärgern zu Hause, weißt schon.“
...Er ballte die Hand zu Faust. „Musst mal auf Tisch hauen, dass Suppe spritzt bis Bosporus.“
...Akif kannte meine Frau, er wusste, wie sie mit mir umsprang. Von allen Arbeitskollegen war er der Einzige, der nicht darüber spottete. Auf den Tisch hauen — tja.
...Bosporus!
...Als ich nach Hause kam, saß Helga im Fernsehsessel, dick und rosig. Sie hatte gebadet und glänzte vor Creme und Selbstzufriedenheit. Keine Frage nach meiner Arbeit, kein Essen vorbereitet, nichts. Aber Lottoschein und Zimmermannsbleistift hatte sie schon parat.
...Ich machte mir ein Brot. Ich aß es, während ich an einer Stehlampe herumhantierte.
...Dann schrillte das Telefon.

******

...Es hörte nicht auf zu schrillen.
...„Hermann, das Telefon!“
...„Gehst du bitte mal, Helga, ich kann nicht. Hab gerade den Lötkolben an.“
...„Wirst immer bequemer, den Müll hast du auch noch nicht runtergebracht.“ Sie raffte sich auf, ging zum Telefon im Flur und hob ab. Ich hörte sie rufen, ein um das andere Mal, bis sie schließlich wütend auflegte.
...„Komisch, Pizzadienst, hast du was bestellt?!“, schimpfte sie in meine Richtung. Sicher hätte sie noch eine Weile weitergezetert, wäre sie nicht durch einen Blick zum Bildschirm abgelenkt worden. „Oh je, die Lottoziehung hat schon angefangen!“
...In einer gläsernen Trommel wirbelten die nummerierten Kugeln. Schneeflocken des Glücks. Jede hatte ihre Chance. Bis ein Drahtarm zum Einsatz kam, sich eine der Kugeln griff und sie zu einem Verschluss beförderte, der sich wie ein stählernes Auge zusammenzog und die Kugel nach außen drückte. Sie

trug die Nummer 23.
...
Die Lottofee nannte die Zahl, und Helga sagte: „Ich glaub, die hab ich.“ Und nach einer Weile: „Ja, da ist sie.“
...Bei der zweiten Zahl klang ihre Stimme schon leicht aufgeregt. Nach der dritten Ziehung, auch die ein Treffer, nahm sie ein Taschentuch aus dem Ärmel ihres Bademantels. Als die vierte Gewinnzahl zu sehen war, steckte sie vor Aufregung einen Zipfel in den Mund; bei der fünften biss und zerrte sie an dem Stoff.
...„Wenn jetzt noch die Elf kommt“, presste sie hervor, „ich glaub, dann werd ich verrückt.“
...„Beruhige dich, Helga. Der Arzt hat dir jegliche Aufregung verboten.“ Ich legte den Lötkolben zur Seite und stand auf. „Soll ich den Apparat lieber ausschalten? Du kannst es ja aus der Zeitung erfahren.“
...„Nein!“, rief sie, ohne die Augen nur eine Sekunde vom Bildschirm zu nehmen.

*******

...Wieder rotierten in dem Glaskäfig die Kugeln; wieder schaufelte sich der Drahtarm eine aus der wirbelnden Menge heraus und gab sie weiter. Die Kugel rollte über die Schiene, stieß dort gegen die fünf anderen, zitterte ein wenig nach, lag still: Es war die Elf.
...Helgas Gesicht zeigte ein Lächeln, wie ich es nie zuvor bei ihr gesehen hatte. „Nun bin ich Millionärin!", quiekte sie vor Glück.
...Ich berührte sie an der Schulter. „Wir, Helga, wir!“
...Sie sah mich erstaunt an, so fremd, als wäre ich gerade einem Raumschiff entstiegen. „Wir, wieso wir?“ Und dann lachte sie schallend. „Ach so, du bist mir ja ein Goldstück! Du meinst also, dass ich mit dir teile – oh, das ist echt gut, das ist ein toller Witz!“
...Sie kriegte sich gar nicht mehr ein vor lauter Prusten und Lachen. Ganz ruhig wartete ich, bis sie sich die Tränen aus den Augen gewischt hatte – sie sollte ja alles klar und deutlich mitbekommen –, dann beugte ich mich zu dem Schränkchen, auf dem der Fernseher stand, und öffnete eine Klappe. Mit dem ausgestreckten

Zeigefinger drückte ich eine Taste: Das Bild auf der
Mattscheibe blieb stehen.
...
Zunächst sagte sie gar nichts, guckte nur erstaunt.
...Langsam, unendlich langsam, wie es schien, sickerte so etwas wie Erkenntnis in ihr Hirn. Ihr Mund zuckte, bevor er die Worte formte: „W... was, was …?“
...„Video! Mein Goldstück.“
...„Video, aber was … wieso …?“ Mit ihrem Wortschatz war es nicht weit her.
...Ich erklärte es ihr, und zwar, das will ich nicht verhehlen, mit tiefem Genuss: „Beim letzten Mal habe ich dir unter anderem auch jene Zahlenreihe gegeben, die vor Wochen gezogen wurde; was du gerade gesehen hast, war eine Aufzeichnung dieser alten Ziehung.
...„Dann hab ich nicht gewonnen, gar nichts?“ Mein Lächeln stimmte sie nicht froh, im Gegenteil, sie rang nach Luft. „Du … du mieser Knochen!“, schrie sie. „Dir werde ich … oh, mein Herz … hilf …“ Ihr Gesicht wurde abwechselnd rot und blass, sie japste nach Luft, dann schluckte sie nur noch lautlos.

********

...Gern hätte ich ihr noch länger meine Überlegenheit vor Augen geführt, aber an ihrem starren Blick sah ich, dass sie nichts mehr wahrnahm.

II.


Den nächsten Kegelabend, er lag am Tag nach der Beerdigung, ließ ich ausfallen; beim folgenden war ich wieder dabei. Zum Abschluss kegelten wir wie üblich Totenkiste, ein Spiel, bei dem nach jedem Abräumen mit Kreide ein Balken an die Wandtafel gestrichelt wird, bis das Bild eines Sargs samt krönendem Kreuz entsteht.

...Ich schob meine Kugel besser als sonst, was womöglich mit dem Namen des Spiels zusammenhing. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich zwei, drei Bierchen mehr als üblich getrunken hatte. Nach dem letzten Wurf stellte ich mich an die Theke. „Eine Runde, Herr Wirt, Pils und Korn.“
...Meine Bestellung ließ die Kollegen aufhorchen. „Unser

Pudelkönig ist ja groß in Form“, sagte Dankert. „Sonst wie der Blitz nach Hause, und heute – hat deine Frau dir freigegeben?“
...„Mir braucht keiner freizugeben. Ich bin frei. Genau. Bin mein eigener Herr, jawohl, kann tun und lassen, was ich will.“
...Kollegin Jutta, die schon mal gern einen über den Durst trink, schob sich mit übertriebenem Hüftschwung an mich heran. „Könntest du mich auch mit zu dir nach Hause nehmen?“, fragte sie neckend.
...„Könnte ich schon.“
...„Und deine Alte bringt uns am Morgen das Frühstück ans Bett, stimmt’s?“
...„Meine Alte ist …“ Ich beendete meinen Satz mit einem Pfeifgeräusch und einer Handbewegung zum Himmel.
...Ob meine Frau in Kur sei oder ob sie sich mit einem Liebhaber auf und davon gemacht habe, wollten die Kollegen wissen und grinsten anzüglich. Ganz ruhig sagte ich: „Meine Frau ist tot.“

*********

...Dankert war der Erste, der das betretene Schweigen, das meinem Satz folgte, schließlich durchbrach: „Wenn das so ist, Hermann, ähm, tut uns leid.“
...„Braucht euch nicht leid zu tun, tut mir ja auch nicht leid. Hat mich jahrelang schikaniert, wisst ihr doch genau. Und soll ich euch was sagen: Ich hab’s geplant, ihren Tod, eiskalt; und das Tollste ist: Niemand kann mir die Tat anlasten.“
...„Umgebracht? Mord? Das ist ja ein Ding! Wie denn mit Gift oder ’nem Beil?“
...Fragen, Zurufe aus allen Richtungen, zum ersten Mal seit unzähligen Kegelabenden stand ich im Mittelpunkt. Ich blickte mich um und es entging mir nicht, wie die Bestürzung in ihren Gesichtern nach und nach wieder dem anzüglichen Grinsen Platz machte.
...„Bestimmt hat Hermann seine legendäre Manneskraft eingesetzt. Oder hast du sie totgeknutscht, die Dicke? Sag schon, Hermann, wie hast du’s gemacht?“

...Als sich die Kollegen etwas beruhigt hatten, lehnte ich mich mit beiden Ellbogen auf den Tresen und sagt in den Halbkreis, den sie um bildeten: „Wie ich’s gemacht habe? Na schön, ich will’s euch verraten: Mit einem Lottoschein.“
...Sie wieherten vor Lachen. Lass sie doch lachen, sagte ich mir, dir hat Helgas Tod eine Menge Vorteile gebracht. Du kannst mit den Kollegen trinken, so lange du willst. Da ist niemand mehr, der dir jedes Bierchen vorrechnet, da ist keine mehr, die an dir rumnörgelt. Du bist frei, frei, frei!

*

...So sprach ich in den nächsten Wochen öfter zu mir. Doch es half nicht viel. Ich kam nicht umhin, festzustellen, dass die Freiheit längst nicht so schön war, wie ich sie mir vorher ausgemalt hatte. Am meisten störte mich jedoch, dass die Kollegen mich nicht für voll nahmen.

**********

...„Sei nett zu Hermann“, stichelten sie, „sonst schlägt er mit dem Lottoschein zu, wie bei seiner Alten.“
...Ich beschloss, ihnen das Maul zustopfen, und ging zur Polizei.
...„Na, wo brennt’s denn?“, fragte der Beamte.
...„Es ist … kurzum: Ich habe meine Frau umgebracht.“
...„Nun mal langsam, Herr Werle.“
...Der Wachhabende kannte mich, er wohnte in meiner Nachbarschaft. Er legte mir die Hand auf den Unterarm und sagte: „Nach langjähriger Ehe ist der plötzlich Tod des Lebenspartners ein harter Schlag, und häufig quält denjenigen, der zurückbleibt, ein Schuldgefühl. Aber“, er machte eine Pause und sah mir in die Augen, „Ihre Frau, Herr Werle, ist ganz eindeutig an einem Herzschlag gestorben.“
...Beim nächsten Mal wandte ich mich an einen Beamten, der mich nicht kannte. Nachdem er mir eine Weile zugehört hatte, sagte er: „Ihr Einfall ist nicht so

lustig, wie Sie vielleicht glauben. Was meinen Sie, wie viele sich hier melden und was vom perfekten Mord erzählen? Durchweg brave Bürger wie Sie, Herr Werle.“
...Er musterte mich von oben bis unten und lächelte nur mitleidig. Auch bei meinem dritten Besuch in der Polizeiwache sprach der Beamte zunächst sehr gelassen: „So, so, Sie wollen, dass wir der Sache nachgehen? Sie verlangen es!“
...Ich nickte, und sein Ton änderte sich schlagartig.
...„Meinen Sie nicht, dass wir schon genug zu tun hätten? Mit Terroristen und Sadisten, mit Kerlen, die mit einer Schrotflinte Amok laufen. Nein? Müssen wir uns jetzt auch noch mit durchgeknallten Typen beschäftigen, die was vom Mord mit dem Lottoschein faseln, müssen wir das? Nein, müssen wir nicht! Und deshalb gebe ich Ihnen jetzt einen guten Rat: Raus! Aber schnell. Sie haben wohl einen zu viel …“

***********

...Zugegeben, ich hatte mir Mut angetrunken. Aber rechtfertigte das eine derartige Behandlung durch diesen Beamten? Keineswegs! Und deswegen schrieb ich noch am selben Tag einen Brief an den Polizei-
direktor. Doch auch mit diesem Schreiben, das sowohl eine Beschwerde als auch eine Selbstanzeige beinhaltete, war ich nicht erfolgreicher. Die Antwort bestand lediglich aus acht Zeilen; es handelte sich um einen Formbrief, dazu noch in überholter Technik, daran zu erkennen, dass mein Name in einer anderen Schrifttype eingesetzt war.
...Heißt es nicht, dass sich der Bürger an die Medien wenden soll, wenn ihm Unrecht geschieht? Ich tat es, rief bei einer großen Boulevardzeitung an und bekam Folgendes zu hören: „Hm, hm … nö, guter Mann, interessiert uns nicht so sehr, Ihre Geschichte. Wieso, wieso, was heißt wieso? Sagen wir mal: Weil Sie kein

Promi sind. Nö, Nobelpreisträger muss nicht unbedingt sein, da haben sie recht, Filmstar oder Fußballnationalspieler würde genügen.“
...
Ich ließ nicht locker. Es gab ja noch andere Zeitungen, regionale Blätter, die ihre Seiten füllen mussten.
...Als ich am anderen Morgen meine Schicht antrat, winkte mich Akif in sein Pförtnerhäuschen. Er klatschte eine Zeitung auf den Tisch und fragte: „Schon gelesen, Hermann? Hier: ‚Lottomörder schlägt zu … Straßen-
bahnführer Hermann W. gesteht seine Tat gegenüber unserem Reporter …’ und so weiter. Schlimm!“
...Missbilligend schüttelte er den Kopf. „Da haben dir die Kollegen aber bösen Streich gespielt. Finde ich gemein, Hermann, glaub mir.“
...Der gute Akif, er hatte ja keine Ahnung.

************

...Das Schlimmste an der Sache war, dass die Meldung unter der Überschrift Die Glosse des Tages stand. Der Redakteur hatte mich zur Witzfigur gemacht. Das Lachen und die Bemerkungen der Kollegen hallten während der nächsten Stunden in meinem Kopf wider.
...„Lottokiller Hermann … unser Pudelkönig macht auf Blaubart … Hermann the Ripper …”
...Es war ein windiger, klarer Tag, doch ich fuhr wie im Nebel.
...Plötzlich sah ich sie, in ihrem geblümten Bademantel; sie stand mitten auf den Schienen, aber ihre Stimme schien aus dem Lautsprecher über mir zu kommen.
...„Hermännchen, bist schon eine Witzfigur. Hast tatsächlich geglaubt, du könntest mich auf diese Weise umbringen?“
...Sie winkte. Ich war schon ganz nahe heran, sah den Lottoschein in ihrer Hand, hörte auch ihr hämisches Lachen, das dann aber vom Kreischen der Bremsen übertönt wurde.
...Dann wurde mir schwarz vor den Augen.
..

...„Hab ich sie erwischt?“, waren meine ersten Worte, als ich wieder zu mir kam.
...„Erwischt? Wie meinen Sie das? War doch nichts“, sagte ein Mann, drehte sich um und sprach zu den Fahrgästen: „Nichts passiert, Leute, keine Aufregung.“
...Es war wirklich nichts passiert. Ich war nur mit dem Kopf gegen die Scheibe geprallt. Ein Pflaster beim Betriebsarzt, anschließend ging ich nach Hause.
...Zur Entspannung trank ich eine Flasche Bier, danach noch eine, und dann machte ich es mir vor dem Telefon bequem. Diesmal würde ich mich nicht abwimmeln lassen.
...„Als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt sollten Sie ein offenes Ohr für das Wohl und Wehe der Bürger haben. Außerdem gibt es doch noch so etwas wie Informationspflicht.“
...Einwände wischte ich beiseite. „Natürlich habe ich Beweise. Wenn Sie sich mal die Mühe machten, jemanden vorbeizuschicken, würde ich Ihnen die Beweise liefern.“

*************

...Ich gab meine Adresse an, hängte ein, nahm einen tiefen Schluck aus den Flasche und war zufrieden. Diesmal, da war ich mir sicher, hatte ich den richtigen Ton gefunden. Aber genau!
...Schon früh am anderen Morgen klingelte es an der Wohnungstür. Ich öffnete. Sie waren zu zweit.
...„Herr Werle?“
...„Ja. Sie sind vom Rundfunksender?“
...„Nicht direkt, Herr Werle. Aber dürfen wir eintreten?“
...Der eine war jung, stämmig, mit amüsierten hellen Augen; er stellte sich mit Heribert vor. Der andere hieß Neumann, war schon älter, dunkelhaarig und wirkte ernsthaft. Er sah sich kurz um, nickte und kam gleich zur Sache.
...„Womit haben Sie Ihre Frau denn umgebracht?“

...„Damit.“ Ich deutete auf den Fernsehapparat und das Videogerät in dem Schränkchen darunter, legte eine Kassette ein und sagte, weil sie mich so fragend anschauten: „Tja, die ideale Tatwaffe für den perfekten Mord.“
...Die beiden sahen sich die Aufzeichnung der Lottoziehung, zu der ich noch ein paar Erklärungen gab, aufmerksam an. Ihren Mienen konnte ich entnehmen, dass sie tief beeindruckt waren. „Was halten Sie davon, wenn Sie uns jetzt begleiten, Herr Werle?“
...Endlich nahm man mich ernst. Ich sah sie schon vor mir, die Kameras, Scheinwerfer und Schlagzeilen. Nach der Gerichtsverhandlung würde ich berühmt sein.

*************

Sind Sie noch da? Dann rücken sie mal ein bisschen näher. Ich will nicht so laut sprechen, denn sie hat ihre Ohren überall. Sie soll von meinen neuen Plänen nicht erfahren. Aber Ihnen will ich’s erzählen. Also, diesmal wird es gleich ein Dutzend erwischen: Ehefrauen, Ehemänner, gefährdet ist praktisch jeder.
...Ich meine: jeder, der Lotto spielt. Videogeräte stehen in nahezu allen Haushalten; Millionen Menschen spielen Lotto, und sicherlich gibt es unter ihnen viele, die ihren Ehepartner gern ohne Risiko … Na, klar, deshalb ist es ja damals auch zu keiner Gerichtsverhandlung gekommen. Die Polizei befürchtete eine Welle von Folgetaten. Mich aber hätte dieser Fall berühmt gemacht und zudem … Moment bitte!
...„Ach, Hermännchen, bist du wieder bei deinem Thema? Reich und berühmt — du? Ist ja zum Kaputtlachen.“

...„Hau ab, du Biest! Kannst nicht verwinden, dass ich dir bewiesen habe, wer der Klügere von uns beiden ist.“
...So, sie ist weg. Das mit dem Klügeren hört sie nicht gern. Wo waren wir? Reich und berühmt — aber sicher doch. Ich brauche ja nur mein todsicheres System zu verkaufen, über Anzeigen in Illustrierten beispielsweise oder übers Internet. Moment, warten Sie! Vielleicht könnten Sie mir dabei helfen. Auf die anderen nämlich ist kein Verlass. Napoleon hat nur seine Armeen im Kopf, Toni schneidet den ganzen Tag Papierfiguren aus, und Heribert … richtig, mal hören, was Heribert dazu meint.
...Ja, jetzt gleich. Moment nur. Wenn Sie wohl so freundlich wären — ich selbst kann diese verflixte Klingel an der Wand über dem Bett leider nicht erreichen.
...„Heribert! He-ri-bert! He-ri-beeert!!!”

- Ende -


Aktualisiert am 15. Oktober 2018 | kontakt@niklaus-schmid.de

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