Niklaus Schmid


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Story 2020

Neue Story 2020


Zen in der Kunst mit dem Bogen zu töten



„Komm, Charlie, wir haben eine Stunde Zeit“, flüsterte die Frau. Sie hatte graugrüne Augen und lächelte spöttisch.
...Der Mann, der ihre Stimme hörte, lag auf einer Pritsche und starrte gegen die Zellendecke. Er nahm einen Pfeil, den nur er sehen konnte, und legte ihn auf die Sehne eines unsichtbaren Jagdbogens. Mit dem ausgestreckten linken Arm hob er den Bogen in Augenhöhe, mit der rechten Hand hielt er das befiederte Ende des Pfeils zwischen Zeige- und Mittelfinger. Dann spannte er den Bogen, mit einer Bewegung, die weich und gleitend aus der Schulter kam und so natürlich geschah wie das Atmen.

*
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Als die Kuppe seines Zeigefingers den Mundwinkel unterhalb des dunkelblonden Schnurrbarts berührte, hielt er inne. Die Stahlspitze lag nun am Schussfenster des Bogens an. Bis zu zwei Minuten konnte er, ohne zu zittern oder zu wanken, die hohe Zugkraft des Bogens halten.
...Er wartete, die Augen starr auf die Stelle gerichtet, wo eben das Gesicht erschienen war. Aus den Kalkritzen der Zellendecke wuchsen Büsche, die Zweige teilten sich – da war sie wieder! Der Schütze stellte sich vor, dass das Ziel unendlich weit entfernt wäre und dass der Pfeil, wenn er ihn losließe, auf einer Bahn flöge, die er schon vor langer Zeit durchmessen hatte.
...„Wie oft muss ich dich noch töten?“, murmelte der Mann.

Der Plan war alt. Schon als Schuljungen hatten sie davon geträumt, einmal in Afrika auf Großwildjagd zu gehen. Viele Jungen denken daran und geben die Idee später auf. Bei Karlo Rupp und Ulli Harden war das anders. Sie hielten an ihrem Traum fest, gaben ihm später nur eine neue Richtung. Mit Pfeil und Bogen wollten sie auf Jagd gehen. Sie wollten dem Wild eine Chance geben und sich selbst der Gefahr aussetzen.
...Eines Tages betraten sie ein Sportgeschäft. Sie nahmen Sportbögen in die Hand, die für den Wett-
kampf mit Zielvorrichtungen ausgestattet waren, und Jagdbögen, die für das intuitive Bogenschießen, wie es in der Fachsprache hieß, geeignet waren.

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...„So ein moderner Jagdbogen“, der Verkäufer strich über die aus Ahornholz und Kunststoff geformte Waffe, „ist allen Bögen überlegen, die jemals von Mongolen oder Indianern, von afrikanischen Buschmännern oder europäischen Soldaten des Mittelalters benutzt wurden.“
...Rupp und Harden entschieden sich für zwei Jagd-
bögen gleicher Marke und gleicher Zugkraft, deren Wurfarme sie nach einer Eingewöhnungszeit gegen stärkere auswechseln konnten. Dazu kauften sie
Pfeile mit runden Aluminiumspitzen und Pfeile mit rasiermesserscharfen Stahlspitzen sowie einige Strohscheiben.
...Ein geeignetes Übungsgelände fanden sie außerhalb von Celle im Naturpark Südheide. Rupp hatte dort ein Gebiet ausfindig gemacht, in das weder die Wanderer noch die Kutschen voller Ausflüglern kamen, allenfalls mal Schäfer mit ihren Heidschnucken. Dafür gab es dort Dünen und jene Vegetation, die mit dem kargen Boden zufrieden war.

...Flächen mit Besenheide und Wacholderbüschen wechselten mit Wäldern, in denen Birken und Kiefern wuchsen und wo das Unterholz aus Dornenbüschen und harten Gräsern bestand.
...Die Dünen waren ideal fürs Bogenschießen, weil jene Pfeile, die das Ziel verfehlten, im Sandboden keinen Schaden nahmen. Ein weiterer Vorteil für die Schützen bestand darin, dass sie von den Bodenwellen weit über das Land blicken und so frühzeitig jeden entdecken konnten, der sich dem Gebiet näherte. Denn auf keinen Fall wollten die Freunde bei der Ausübung ihres Sports jemanden gefährden.
...Meist fuhren Rupp und Harden sonntags in aller Frühe in die Südheide, verteilten die Strohscheiben im Gelände und schossen auf jedes Ziel sechs Pfeile. Harden hatte gute Anlagen; aber um ein wirklich guter Schütze zu werden, fehlten ihm Geduld und Ernsthaftigkeit.

***

...„Das Bogenschießen ist mehr als ein Freizeit-
vergnügen“, belehrte Rupp seinen Freund. „Es ist eine Auseinandersetzung des Schützen mit sich selbst, und es kann eine Angelegenheit auf Leben und Tod sein.“
...„Früher vielleicht, heute ist es ein Sport, und zwar einer, der Durst macht auf ein frisch gezapftes Bier.“ Harden lachte. „Komm, Charlie, ich gebe einen aus.“
...Sie sammelten die Strohscheiben ein und fuhren zum Waldcafé in Hermannsburg. Schon beim Aussteigen bemerkte Rupp die junge Frau, die allein an einem Tisch saß. Sie war Mitte zwanzig, hatte ein Glas mit einem bunten Getränk vor sich stehen und rauchte eine Zigarette. Ihr Haar war von einem Kastanienbraun, das ins Rötliche spielte. Eine Locke hing ihr in die Stirn, gelangweilt blickte sie in die Ferne.
...Während Rupp noch überlegte, steuerte Harden bereits auf den Tisch zu. Seine Frage, ob sie Platz nehmen dürften, beantwortete die Frau mit einem
gleichgültigen Schulterzucken.

...Die beiden Freunde setzten sich. Harden bestellte zwei Bier und ein buntes Getränk für die Tisch-
nachbarin. Sie tranken, lächelten sich zu, und danach zog Harden seine alte Nummer ab, indem er Rupp als seinen Bruder Charlie vorstellte. „Wir teilen alles miteinander“, betonte er.
...Und wie fast immer kam prompt die Frage: „Wirklich alles?“
...„Na ja, wenn etwas besonders hübsch ist, dann nicht“, antwortete er mit einem vielsagenden Blick. Was heißt, flache Scherze, hatte er mal bei ähnlicher Gelegenheit gesagt, Frauen musst du neugierig machen oder zum Lachen bringen.
...Nach einer weiteren Runde fuhren sie zu dritt nach Celle. Das Fahrrad der jungen Frau lag auf dem Dachträger des Range Rover, Rupp saß am Steuer, Harden und das Mädchen teilten sich, obwohl auf der Rückbank noch Platz war, den Beifahrersitz.

Fortsetzung folgt...
am 1. März
.....

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Aktualisiert am 15. Februar 2020 | kontakt@niklaus-schmid.de

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