Niklaus Schmid


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Kurzkrimi Nr. 12


Kurzkrimi Nr. 12


Ischia - Traum und Trauma

Der 1. Törn

Wie ein Schatten glitt das Boot über das tiefblaue Wasser. Während Wolfram Klesse hin und wieder den Kurs korrigierte oder das Hauptsegel dichter holte, ließ er seinen Blick entlang der felsigen Küste von Ischia schweifen. Die letzte Ortschaft lag zwei Meilen hinter ihm, die Häuser, die sich als weiße Flecken vor dem goldbraunen Hintergrund abhoben, wurden weniger. Hinter ihm lagen nun auch die Strände mit den Sonnenschirmen, den Windsurfern und dem Kindergeschrei. Eine sanfte Brise umwehte ihn, er spürte Salzgeschmack auf den Lippen.

*

...Zum ersten Mal, seit er den Hafen von Neapel verlassen hatte, konnte Klesse den Törn so richtig genießen. Da war keine Stimme, die ihn auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam machte, die Texte aus einem Kunstreiseführer zitierte, die ihn mit Zahlen über historische Schlachten und Altertümer anödete. Bis auf das Rauschen der Bugwelle entlang der Bordwand, einem gelegentlichen Möwenschrei und dem leichten Knattern des Focksegels war es herrlich still an Bord der Nina – denn Marga, Klesses Frau, lag in ihrer Koje und war die leiseste und sanftmütigste Ehefrau, die sich ein Mann nur wünschen konnte.
...Marga schlief. Schon seit Stunden. Und sie würde noch lange schlafen.
...Klesse pfiff ein Liedchen. Obwohl Pfeifen an Bord eigentlich tabu war, weil es angeblich die Windgeister herbeirief. Doch solche Bedenken störten Klesse im Augenblick wenig. Denn in diesem Moment öffnete
sich auf der Steuerbordseite eine fast kreisrunde,
von steilen Klippen umgebene Bucht.
...„Ideal!“, entfuhr es Klesse. „Hier wird es passieren.“

...Er löste die Sperre an der Windentrommel. Raschelnd fiel das Hauptsegel aufs Deck. Die ketschgetakelte Nina lief nur noch unter Fock und Besansegel.
...Nachdem der Skipper die Selbststeuerungsanlage eingestellt hatte, stieg er den Niedergang hinunter. Er spähte in die Kabine. Da lag sie. Margas Miene war streng. Sie hatte kurzes, schwarzes Haar, das mit grauen Strähnen durchzogen war, ihre Lippen waren schmal und gerade. Der Mund einer enttäuschten Lehrerin, dachte Klesse.
...Er ging in die kleine Schiffsküche, wo die Zutaten für das Abendessen bereitlagen: Tomaten, eine Avocado und eine Portion Garnelen, dazu sollte es Rigatoni geben. Zuerst kochte Klesse die Nudeln, dann
bereitete er die Garnelen vor. Er löste die Krustentiere aus ihrer Schale und beträufelte sie, nachdem er mit einem spitzen Küchenmesser den dunklen Darm entfernt hatte, mit Limettensaft. Für ein, zwei
Sekunden kam er sich komisch vor, dass er so methodisch vorging. Andererseits, man wusste ja nie, wie eine Sache ausging.

**

...Da war es besser, wenn man sich genau an die Anleitungen aus dem Kochbuch hielt:
...Olivenöl in einer Pfanne erhitzen und die Garnelen darin anbraten. Ahornsirup und Essig dazugeben und alles gut schwenken …
...Na ja, auf das Schwenken konnte er wohl verzichten.
...Während er die Avocado halbierte und ihr Fruchtfleisch würfelte, übte er schon mal die Sätze, die er so einem Provinzcarabinieri sagen würde: Signor, meine Frau war von der langen Seereise müde, also habe ich mich um das Abendessen gekümmert. Irgendwann merkte ich dann, dass sich der Anker gelöst hatte. Da bin ich an Deck gegangen und habe ihn neu gesetzt. Als ich in die Kombüse zurückkam, sah ich den Qualm. Wie bitte, woran ich als Erstes …? Nun, an meine Frau! Ihr galt mein erster Gedanke. Denn, wie schon erwähnt, Marga lag schlafend in der Koje, sie musste ich retten. Für die Löschversuche war es dann zu spät. Wie es überhaupt passieren konnte, dass so plötzlich …? Nun, Signor, es stimmt, die See war ruhig, doch eine auslaufende Welle muss das Schiff in eine extreme Schräglage versetzt haben. Und dadurch …

...Klesses Gedanken wurden unterbrochen. Er schnupperte. Aus der Bodenluke drang Gasgeruch. Darauf hatte er gewartet. Das Propangasgemisch war in den Kielraum gesickert. Unter Umständen konnte es dort lange Zeit lagern, so lange, bis eines Tages ein Funke — so etwas kam immer mal vor, wie der Skipper aus Berichten in Jachtzeitschriften wusste. Deshalb gab es sogenannte Gasschnüffler; moderne Jachten waren damit ausgerüstet, die Nina nicht. Es war ein unangenehmer süßlicher Geruch, der kurz darauf jedoch von dem appetitanregenden Duft des heißen Olivenöls überlagert wurde.
...Als Klesse die Garnelen in die Pfanne legte und diese augenblicklich ihr Aroma entfalteten, begann sein Magen zu knurren. Im Gegensatz zu Marga, die sich am liebsten von Salaten ernährte, aß Klesse gern und viel, normalerweise, heute gab es anderes zu tun.
...Er ging an Deck, eine leichte Brise umfing ihn. Sein Blick fiel auf die verrosteten Wanten, die morschen Segel und das rissige Holz. Die Mahagoniaufbauten mussten dringend lackiert, die Fugen des Teakdecks abgedichtet werden.

***

...Aufwendige Reparaturen waren nötig. Doch um diese Arbeiten selbst auszuführen, fehlte ihm die Zeit, um sie von anderen machen zu lassen, das Geld. Von weitem machte die Segeljacht noch einen recht schönen Eindruck. Aber aus der Nähe betrachtet erkannte man, dass die Nina ein altes Mädchen war.
...Was Klesse wirklich brauchte, war ein neues Schiff, und zwar eines aus pflegeleichtem Kunststoff. Eine solche Jacht würde er schon für vierzigtausend bekommen, also für das Geld, das die Nina wert war. Doch dieser Wert, das wusste er, bestand nur auf dem Papier der Versicherungspolice. Das höchste Angebot, das er bisher erhalten hatte, war nicht einmal die Hälfte. So war nun mal der Markt. Wer ein Boot suchte, zahlte viel, wer es verkaufen wollte, erhielt nur einen unverschämt niedrigen Preis.
...Gekauft hatte Klesse das Schiff von dem Geld, das
er mit Bauernmöbeln aus dem Gebiet der ehemaligen DDR verdient hatte. Doch die Zeit für abgebeizte Weichholzschränke war vorbei. Wer wollte das
Gelumpe noch? Niemand!
...Sein kleines Antiquitätengeschäft hielt Klesse nur noch offen, um seiner Frau nicht in die Quere zu
kommen, wenn sie nach Schulschluss ins Haus kam.

...„Na, Essen schon vorbereitet, Wolfram? Hast doch sonst nichts zu tun.“
...
Es gab Männer, die sich damit abfanden. Klesse nicht, er wollte sich nicht bevormunden lassen. Und schon gar nicht auf seinem Schiff. Deshalb hatte er damals auch ganz bewusst in Italien und nicht etwa am Niederrhein nach einem Segelboot gesucht. Nachdem er die Nina übers Internet im Golf von Neapel gefunden und anschließend während eines Urlaubs mit einem Freund restauriert hatte, brachte er sie auch nicht, wie es andere aus seinem Bekanntenkreis gemacht hatten, nach Holland, sondern ließ sie in einer Marina nahe Neapel. Die Nina wurde seine Fluchtburg.
...So war das über Jahre. Bis Marga vor einigen Wochen damit herausrückte, dass sie die Sommerferien ebenfalls auf dem Boot verbringen wolle. Mit dem freien Leben an Bord und den Abenden in einer neapolitanischen Trattoria, das war Klesse auf der
Stelle klar gewesen, würde es fortan vorbei sein. Da halfen keine Argumente, dass das Leben auf dem engen Raum einer Segeljacht recht beschwerlich, bei Stürmen sogar gefährlich sein könne. Nein, Marga ließ sich von ihrer Idee, mit ihm einen Törn zu machen,
einfach nicht abbringen.

****


...Und auch mit dem Reiseziel setzte sie sich durch. Nicht Sorrent, nicht Salermo, alles Orte, die Klesse vorgeschlagen hatte, sondern Ischia sollte es sein. Warum? „Darum!“, hatte sie ungehalten erwidert und dann doch noch hinzugefügt: „Weil ich dort schon mal vor vielen Jahren mit einer Studienkollegin gewesen bin.“ Ende der Diskussion.
...Also, Ischia. Dann sollte es eben hier passieren.
...Klesse löste sich aus seinen Gedanken. Mit zusammengekniffenen Augen schaute er in Richtung Land. Er schätzte den Abstand auf eine knappe Meile.
...„Gerade richtig“, murmelte er, holte die Fock ein und setzte den Anker. Wieder unter Deck, öffnete er das Schapp mit den persönlichen Dingen. Reisepass, Scheckkarten, Bootsführerschein — er ließ alles in dem Fach liegen. Eine Weile dachte er daran, wenigstens etwas Bargeld einzustecken. „Besser nicht“, ermahnte
er sich.
...Die Garnelen waren inzwischen an der Unterseite goldbraun, teilweise auch schon schwarz angebraten. Mit dem Bootshaken, den er vom Kajütenaufbau
gelöste hatte, brachte Klesse den Gaskocher, dessen kardanische Aufhängung leichtes Schwanken

ausglich, in eine derart starke Pendelbewegung, dass schließlich das siedende Öl über den Rand der Pfanne schwappte. Es zischte, qualmte und roch nach verbrannten Garnelen. Doch erst als Klesse mit einer Seekarte eine Verbindung zwischen dem Öl und der Gasflamme hergestellt hatte, begann es in der Kombüse zu brennen.
...Die Flamme fraß sich in das Kochbuch, sprang von der Anrichte an die Vorhänge und von dort zu den Sitzpolstern.
...Und wenn ich Marga einfach schlafen ließe? Es war nur so ein Gedanke, der aufblitze und den Klesse auch sofort wieder unterdrückte. „Feuer! Feuer!“, schrie er, riss die Schlafende aus der Koje und trug sie, während sie strampelte und um sich schlug, zum Deck hoch.
...„Was … was soll …?“
...Wortlos stieß Klesse seine Frau über Bord, dann sprang er hinterher. Als er auftauchte, planschte Marga unkontrolliert neben ihm. „Bist du verrückt!“, schrie sie ihn an, verstummte aber, als sie die brennende Jacht erblickte. Durch das Öffnen der Kabinentür hatten die Flammen neue Nahrung gekriegt. Sie züngelten bereits durch die Bullaugen der Kajüte.

*****

...„Keine Gefahr! Jetzt nicht mehr!“, sagte Klesse beruhigend.
...„Ich hab Wasser geschluckt. Ich ... ich kann nicht.“
...Er deutete auf die Küste. „Du schaffst es, ich
helfe dir.“
...Nach etwa zehn Minuten hörten sie eine Explosion.
...„Die Gasflasche“, erklärte er. „Vielleicht sind jetzt die Fischer aufmerksam geworden.“
...„Hier wohnen keine Fischer. Die Häuser an der Küste gehören Fremden, die sich hier niedergelassen haben.“ Wie immer wusste Marga alles besser. Selbst in dieser Situation.
...Sie erreichten die Küste, atemlos blieben sie liegen. Der Strand war nur ein schmaler, aus vulkanischen Gesteinsbrocken bestehender Streifen, dahinter ging es steil hoch. Ein paar Häuser hoben sich gegen den Himmel ab. Auf angeschwemmten Ästen, die den gebleichten Knochen von Ungeheuern glichen, saßen Seevögel; Menschen waren nicht zu sehen.
...„Wie ist das überhaupt passiert?“, wollte Marga

nach einer Weile wissen.
...„Das heiße Öl“, antwortete er. „Ich war gerade an Deck, der Anker hatte sich gelöst, als eine ungewöhnlich hohe Welle heranrollte. Das Öl muss übergeschwappt sein und sich an der Gasflamme entzündet haben. Das Feuer griff rasend schnell um sich. Mein erster Impuls war, über Bord zu springen. Doch dann bin ich zu dir …“
...„Du hast also dein Leben riskiert, um mich herauszuholen“, sagte sie. „Danke!“
...Klesse blickte zur Seite. Doch die steile Falte über
der Nase und ihren nachdenklichen Mund konnte er sich sehr genau vorstellen, als sie hinzufügte: „Seltsam nur, dass ich so fest geschlafen habe.“
...Er zuckte die Achseln. „Ruh dich aus, ich hole Hilfe.“
...„Nein, nicht eine Minute bleibe ich hier allein.“
...„Dann komm.“ Er fand, dass ihr verstörtes Gesicht und die angeklatschte Unterwäsche die Situation verdeutlichen würden.
...Hand in Hand stolperten sie auf das erste Haus zu.

******

...Der Besitzer, ein Deutscher, hieß Paul Dormann, war kahlköpfig und wohl an die zwanzig Jahre älter als Klesse. Dormann hatte einen schwarzgrauen Vollbart und wasserblaue Augen. Er stellte keine Fragen, schien nicht mal sonderlich überrascht zu sein. Er bot seinen Besuchern eine heiße Dusche, Essen und Trinken, Kleidung sowie ein Nachtlager an.
...„Das ist furchtbar nett“, sagte Klesse. „Haben Sie ein Telefon? Ich muss die Polizei benachrichtigen, es ist wegen der Versicherung.“
...Das habe Zeit bis zum Morgen, entgegnete Dormann. „Kein Telefon, kein Handy, kein Fernsehen.“ Er bewegte sich zum Fenster, wo ein Fernglas hing, drehte sich um und fragte: „Der Fall ist doch völlig klar, oder?“
...Klesse nickte.
...In der Nacht schlief er schlecht. Immer wieder ging er in Gedanken die Sätze durch, die er bei der Polizei zu Protokoll geben wollte.
...Es lief alles glatt am anderen Morgen auf der Polizeiwache. Nicht zuletzt deswegen, weil Dormann sich als Dolmetscher betätigte.

...

...Der Polizist, der das Protokoll anfertigte, kannte
Dormann.
Si, si, betonte er, der tedesco, der sich vor vielen Jahren auf Ischia niedergelassen hatte, sei ein amico. Und Klesse erfuhr, dass Dormann, der sich durch Schwimmen und Tauchen in Form hielt, der vormittags las oder malte und die Nachmittage damit verbrachte, sein Italienisch zu verbessern, dass dieser Ausländer auf der Insel sehr beliebt war.
...Wenn Signor Dormann den Hergang so bestätige, sagte der Polizist am Schluss, dann habe alles seine Richtigkeit. „Bene e arrivederci!“
...
„Wie können wir das wieder gutmachen?“, fragte Klesse zum Abschied.
...„Ach“, wehrte Dormann ab. „Landsleute müssen sich doch helfen, oder?“
...Marga bedankte sich für die Hilfe und für die Gastfreundschaft mit einem Kuss auf Dormanns Wange. Richtig nett sah sie aus in seinem langen Herrenhemd. Die Männer schüttelten sich die Hände. Verdammt harter Händedruck für einen Kerl in seinem Alter, dachte Klesse.

*******

...Klesse und Marga zogen in ein von Dormann empfohlenes Hotel. Während sie darauf warteten, dass die Geldüberweisung und die provisorischen Papiere eintrafen, erkundeten sie die Insel. Sie besichtigten die Festung Aragonese und die Gruften, in denen die Nonnen, wie Marga wusste, einst Stunden über den Tod meditiert hatten, während nebenan in gemauerten Sesseln die verstorbenen Ordensschwestern in hockender Stellung langsam verwesten.
...Schauergeschichten. Klesse interessierte sich
mehr für den einheimischen Wein und für die lokalen Küchenrezepte, in denen die speziell gezüchteten Grubenkaninchen eine Rolle spielten. Ob Thermalbäder oder Touristen, Marga kannte alle Zahlen. Sie wusste, dass die Insel rund fünfundvierzig Quadratkilometer groß und der Monte Epomeo 790 Meter hoch war. Sie hätte ihr Wissen noch gern eine Weile unter Beweis gestellt, doch Klesse zog es nach Hause. Schließlich musste ja noch was geregelt werden.
...Die Versicherung war misstrauisch, zahlte aber letztlich doch. Von dem Geld kaufte Klesse sich eine neue Segeljacht, deren Rumpf aus glasfaserverstärktem Kunststoff bestand, die pflegeleichter und etwas kleiner

als die alte Nina war. Da die Versicherung vom offiziellen Wert der abgebrannten Holzjacht ausgegangen war, blieb von der Schadenssumme
sogar noch ein beträchtlicher Rest übrig. Und der würde, so freute sich Klesse, für einen ausgedehnten Urlaubstörn mit dem neuen Boot reichen.

Der 2. Törn

Knapp ein Jahr war nach dem Brand vergangen. Wenn Klesse hin und wieder auf den Vorfall zu sprechen kam, winkte Marga ab.
...Klesse wähnte schon die gute alte Zeit gekommen, tagsüber mit Freunden an Bord, abends Besuche in Schlemmerrestaurants und anderen Lokalen.
...„Ich muss das neue Boot ausprobieren“, sagte er eines Abends sehr nebenbei. „Ein kleiner Törn
nach Capri.“
...„Capri?“ Marga rümpfte die Nase. „Capri, das ist Fünfzigerjahre.“ Das war so ihre Art. Strenge Erziehung war Vierzigerjahre, dass die Kleinkinder mit Spinat
nach ihren Eltern warfen, war frühe Siebziger, und Ehemänner, die allein auf eine Vergnügungstour gingen, das war für sie das Allerletzte. Sie sagte:
„Ich komme mit.“

********

...„Aber?“ Klesse war verdutzt. „Aber, ich dachte, nachdem was auf der Nina geschehen ist, würdest du deinen Fuß nie wieder auf eine Bootsplanke setzen.“
...„So war es, doch ich habe mich beraten lassen, von einem Psychologen.“ Marga sagte, dass der Unfall bei ihr ein Trauma hinterlassen habe.
...Trauma? Früher sprachen die Leute von einem Abenteuer, wenn sie eine gefährlich Sache überstanden hatten, entweder prahlten sie anschließend damit oder sie ließen fortan die Finger von ähnlich riskanten Dingen.
...„Aber, ich dachte …?“, versuchte es Klesse noch einmal, unterbrach sich aber sogleich, als er sah, dass Marga keinen Widerspruch zuließ.
...„Wolfram Klesse, setzen. Sechs!“, drückte ihr Gesicht aus und dann legte sie los. Sie referierte über posttraumatische Belastungsstörungen und dass die Erinnerungen sie nicht mehr losließen und dass sie in manchen Nächten an der Schlafzimmerwand die brennende Jacht sehen würde und dass sie, sollte es ihr nicht gelingen, das Trauma zu überwinden, dass sie dann, wohl oder übel, den Schuldienst aufgeben müsse.
...Marga den ganzen Tag zu Hause, nicht auszudenken! Klesse sog hörbar die Luft ein. „Und wie …?“
...„Um ein Trauma zu bewältigen, muss man genau

an den Ort zurückkehren, an dem es zu der seelischen Erschütterung gekommen ist.“
...Klesse war drauf und dran mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, dann hätte sie ihre Erschütterung, wiederholte dann aber nur seine angefangene Frage: „Und wie? Ich meine, was genau soll das heißen?“
...„Das heißt, ganz präzise, unser Törn geht nach Ischia.“
...Unser Törn, na schön, dachte Klesse. Vielleicht überrascht uns ja im Golf von Neapel ein Sommergewitter, vielleicht kommt eine große Welle, wenn Marga auf dem Vorschiff steht und das Segel setzt. Abwarten. Die See, so heißt es doch, birgt viele Gefahren.

Pock! Pock! Ein Tier wollte herein. Ein Seeungeheuer. Klesse schreckte von seiner Koje hoch. Es war dämmerig um ihn. Er versuchte sich zu erinnern,
was ihn geweckt hatte. Ach ja, ein klopfendes
Geräusch am Kiel. Doch jetzt war es wieder still. Er fühlte sich benommen, er hatte zu tief geschlafen.
Der lange Tag auf dem Wasser, die viele Sonne
und dann noch das Streitgespräch mit Marga, die unbedingt in dieser Bucht nahe der Unglücksstelle ankern wollte. Es wurde wirklich Zeit, dass er sich
von ihr trennte.

*********

...Aber wie? Elegant musste es sein. Und wo? Am besten weit draußen, wo es keine Zeugen gab. Ein Plan musste her. Wasserdicht musste der sein. Wasserdicht? Komisch! Klesse wischte sich über die schweißnasse Stirn, er konnte sich nicht konzentrieren. Irgendetwas schien mit seinem Kopf nicht zu stimmen. Er hörte schon wieder Geräusche. Diesmal war es ein Gurgeln und ein Schaben, das von der Ankerkette stammte. Kein Zweifel, die Jacht trieb.
...Mit einem Satz sprang er aus der Koje, hin zu Tür. Sie ließ sich nicht öffnen. Erst jetzt bemerkte er, dass er bis zu den Knöcheln in Wasser stand. Das Schiff hatte ein Leck. Er musste raus, sofort. Ein tapsendes Geräusch über ihm. Klesse blickt nach oben. Durch das Plexiglas der Oberluke sah er Margas Gesicht, streng und voller Verachtung. Sie hielt etwas in der Hand, winkte damit. Es war ein Schlüssel, der Schlüssel zur Kabinentür. Lehrerin Marga wollte ihm Angst machen: Wolfram Klesse, Strafarbeit. Setzen!
...Setzen, aber wie lange? Etwa so lange wie die Nonnen in den Gruften sitzen mussten? Als Klesse wie ein kleiner Junge die Hände hob und seine Lippen das Wort „bitte“ formten, warf sie den Schlüssel hinter sich. Entschlossen und mit einem Lächeln, so wie man ein Hufeisen hinter sich wirft, damit es Glück bringt. Glück für wen? Was wurde hier gespielt?
...Neben Margas Schultern erschien ein kantiger Kopf

mit Vollbart. Dormann! Um seinen Hals baumelte eine Tauchermaske. Hatte sich der Kerl am Anker zu schaffen gemacht und vorher womöglich den Bootsrumpf beschädigt. Das war kein Spiel mehr. Nein, hier ging es nicht um die Bewältigung eines Traumas. Alles nur Psychogequatsche. Klesse war in eine
Falle getappt.
...Oberluke und Seitenfenster waren zu eng, um
sich durchzuzwängen. Klesse begann gegen
die Tür zu hämmern, er warf sich mit der Schulter dagegen. Doch die Tür war sehr stabil. Das Wasser umspülte bereits seine Waden. Er stieg auf die Koje, schraubte das Seitenfenster auf. Durch einen Spalt konnte er nun sehen, wie Marga und Dormann in
ein Schlauchboot stiegen, das mit Taucherflaschen beladen war.
...Ein Außenborder wurde angeworfen. Das Geräusch entfernte sich. Kein Zweifel, die beiden wollten ihn tatsächlich auf der sinkenden, langsam zur Bucht hinaustreibenden Jacht zurücklassen. Klar, die Lebensversicherung auf Gegenseitigkeit, durchzuckte
es Klesse. Verdammt, sie war ihm zuvorgekommen!
...In Panik riss er das Seitenfenster vollends auf. Gischt schlug ihm ins Gesicht. „Hilfe! Hilfe!“, schrie er dem Schlauchboot nach.
...Wolfram Klesse schrie und schrie, er schrie so lange, bis sein Schreien fast nur noch ein Jaulen war.

Eine neue Story erscheint ......
im November .... ...
aaamama


Aktualisiert am 15. Februar 2024 | kontakt@niklaus-schmid.de

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