Niklaus Schmid


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Kurzkrimi Nr. 13


Kurzkrimi Nr. 13


Wohnungstausch

„Halbe Mio! Du hast eine Woche Zeit.“
...Nur diese Frist und die Summe, nicht mal besonders drohend die Stimme. Aber Christian Tammer lief ein kalter Schauer über den Rücken. Halbe Mio, das war seine Ausdrucksweise. Die kannten ihn, das waren keine Trittbrettfahrer.
...Die Lage wurde ernst.
...Angefangen hatte es mit einem Einbruch in sein Büro. Tammers Augen huschten über die Wand, auf der trotz eines neuen Anstrichs immer noch die Sprühschrift zu erkennen war:

Drecksäcke wie du machen schon wieder Gewinne.
Mit unserem Geld.

*

...Es folgten Drohbriefe per Internet. Der letzte schloss mit der Aufforderung: „Wir wollen unser Geld zurück. Auf ein Konto, das wir dir in den nächsten Tagen am Telefon nennen.“
...Zum wiederholten Male kontrollierte er die Absender der E-Mails, fand aber keinen Hinweis. Sie konnten vom anderen Ende Welt oder aus dem Nachbarhaus kommen. Ebenso der Anruf eben:
...Halbe Mio! Du hast eine Woche Zeit.
...Tammer klappte den Rechner zu. Sorgfältig verschloss er die Bürotür mit dem neuen Sicherheitsschloss. Auf der Treppe zur Tiefgarage überkam ihn, wie schon in den Tagen zuvor, ein ungutes Gefühl, das sich auf dem kurzen Weg vom Bürogebäude zu seiner Wohnung noch steigerte. Immer wieder blickte er in den Rückspiegel. Der Minibus hinter ihm, die ganze Zeit schon. Der Typ mit der Sporttasche an der Ampel, der grinste ihm frech zu.
Die Großstadt sei ein Dschungel, hatte Tammer mal in einem Wirtschaftsmagazin gelesen. Darüber konnte

er nur lachen. Jeder gegen jeden wie im Urwald, das wäre ja sogar noch zu ertragen. Alle gegen einen, gegen ihn, so sah es verdammt noch mal doch aus! Und wer konnte ihm helfen? Niemand! Die Polizei würde sehr schnell auf sein Schneeballsystem stoßen, und dann – nicht auszudenken.
...Sein Handy meldete sich. Tammer blickte auf die Anzeige. Unterdrückte Rufnummer. Er nahm
trotzdem ab.
...„Versuch nicht zu fliehen. Wir kriegen dich.“ Dieselbe Stimme wie vorhin, ruhig, aber wirkungsvoll. Um ein Haar hätte Tammer beim Abbiegen den Radfahrer übersehen.
...Fliehen? Wohin denn? Im Dschungel gab es wenigstens Verstecke, in den Städten nicht. Jeder
Gang auf die Straße barg Gefahren. In den Aufzügen der Hochhäuser konnten sie lauern, in den Stadtparks, in jedem Hauseingang. Viele waren es, mehr als hundert, die er um ihr Geld gebracht hatte, eine
Menge Geld.

**

...Ein paar Kleinsparer, zugegeben, waren auch darunter, aber bei der Mehrzahl der Geprellten handelte es sich doch um Großverdiener, die ihr Schwarzgeld an der Steuer vorbeischleusen wollten. Halbseidene Restaurantbesitzer, Bordellbetreiber, fehlinformierte Fußballprofis. Unter all großen und kleinen Gierigen gab es wohl auch echte Gangster, die ihm nur deshalb das Geld gegeben hatten, damit es vom großen Finanzjongleur Christian Tammer gewaschen wurde.
...Und bei diesem Waschvorgang war die eine oder andere Summe eben abhanden gekommen. War weg, verbrannt, wie es in Finanzkreisen hieß. So etwas kam vor, das war nun mal das Risiko, wenn man traumhafte Renditen erwartete. Und sie eine Zeit lang ja auch einsackte. Alle hatten gut verdient, Tammer selbstredend auch.
...Doch irgendwann hatte das System gestockt.

..Geben Sie mir ein, zwei Monate, hatte er seine Klienten damals gebeten. Die meisten hatten zugestimmt, per Brief, Fax oder E-Mail. Mit frischem Geld konnte er die Löcher notdürftig stopfen. Doch das ging nur so lange gut, bis dann mit der Pleite von Lehman Brothers die große Krise begann und der Geldfluss ganz versiegte.
...Wieder bat Tammer seine Klienten um Aufschub, doch jetzt glaubten sie ihm nicht mehr. Sie vermuteten, dass er das Geld inzwischen beiseite geschafft habe.
...Der Ton wurde rauer.
...Die Medien berichteten von Selbstjustiz. Vier Geschädigte hatten ihren Anlageberater entführt, in einen Keller gesperrt und mit Schlägen gezwungen, ein Fax zu schreiben, in dem der Entführte seine Schweizer Bank aufforderte, einen hohen Betrag an die Erpresser zu überweisen.

***

...Die „Rentner-Gang“, hieß es wenig später,
wurde von der Polizei festgenommen.
...Unter Kollegen sprach man von einem Einzelfall. Tammer hatte aufgeatmet. Bis zu dem Anruf heute. Halbe Mio! Du hast eine Woche Zeit.
...Als er per Fernbedienung das Garagentor öffnete, erschien seine Frau in der Haustür. Zum eleganten Kleid trug sie eine weiße Schürze. Reine Dekoration, wie Tammer wusste, denn in der Küche war Angela die absolute Null, ihre Stärke lag mehr im Schlafzimmerbereich.
...Sie gab ihm einen Kuss. „Hat mein Hase Ärger gehabt?“
...„Nein, alles bestens, Engelchen. Ein bisschen abgespannt.“ Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Weißt du was: Wir sollten uns einen Urlaub gönnen. Eine Woche oder zwei oder mehr. Oder sogar viel mehr. Die richtige Erholung, so sagt man ja, beginnt

erst nach einer gewissen Zeit.“ Tammer knipste sein Verkäuferlächeln an. „Was hältst du davon?“
...
Engelchen hielt sehr viel davon. Doch nach einer Weile fragte sie: „Ein längerer Urlaub, toll, ja, aber was ist mit dem Haus, mit den Katzen, mit unserem schönen Garten?“
...„Da hab ich schon eine Idee. Lass das mal den Papi machen.“
...Was den Altersunterschied betraf, so konnte Tammer wirklich Engelchens Papi sein. Und dass das Internet nicht nur seine unberechenbaren Seiten hatte, das wusste er auch.
...Während Engelchen eine Tiefkühlpizza in die Mikrowelle schob, gab er ein paar Suchbegriff bei Google ein. Er drückte die Eingabetaste und kurz darauf, als ihm die Küchenfee mitteilte, dass der Käse auf der Pizza zu schmelzen anfange, da hatte er auch schon die ersten Ergebnisse auf dem Bildschirm.

****

...„Billiger und einfacher geht es nicht“, sagte Tammer nach dem Essen zu seinem Engelchen. Er führte den Mauszeiger über den Bildschirm. Die Webseite hieß private-holiday-service.com. Während sie ihm über die Schulter schaute, füllte er das Anmeldeformular aus. Erste Zeile: Wohnungstausch auf Gegenseitigkeit und zeitgleich. Klick. Es kamen noch ein Dutzend anderer Punkte, doch schnell waren auch hier die Häkchen gesetzt. Kurz darauf erhielt er eine Mitgliedsnummer und konnte in der Datenbank stöbern, die nach dem Motto Ich wohne bei Ihnen, Sie wohnen bei mir die Angebote einiger Tausend Tauschpartner enthielt.
...„Schau mal, das sind alles Leute, die Wohnungen oder Häuser untereinander tauschen wollen. Du kannst wählen, Norden oder Süden?“
...Angela rümpfte die Nase. „Wenn überhaupt, dann schon Süden.“
...„Finca oder Almhütte?“
...„Muss das sein?“ Angela kaute unentschlossen an

ihrer Unterlippe. „Du weißt doch, ich langweile mich auf dem Land.“
...„Es ist besser so, jedenfalls für eine Weile. Also, wie wär’s mit einem Strandhaus in Südfrankreich? Da ist es um diese Jahreszeit besonders ruhig.“ Tammers Stimme bekam den Ton eines gewieften Immobilienmaklers: „Fischerhäuser, knisterndes Kaminfeuer, gesunde Meeresluft – nun, Engelchen?“
...„Müssen wir wirklich weg?“
...„Ja. Ist nur für eine Übergangszeit. Du weißt schon, auf Regen folgt Sonne, nach Pleiten werden wieder Mios gemacht.“
...Engelchens Augen wurden noch eine Spur gleichgültiger. Tammer seufzte und begann, die Adressen der Tauschwilligen in Südfrankreich zu notieren. Dann griff er zum Telefon, um Erkundigungen einzuholen. Wichtigster Punkt war, wer von den Hausbesitzern zum sofortigen Tausch bereit wäre.
...Denn Tammer hatte es ja eilig.

Fortsetzung folgt ......
am 1. März
.........


Aktualisiert am 15. Februar 2024 | kontakt@niklaus-schmid.de

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