Niklaus Schmid


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Kurzkrimi Nr. 14


Kurzkrimi Nr. 14


Das Manuskript

Das Wichtigste beim Schreiben, sagt mein Kollege Fred Neuendorf, sei die ausgiebige Recherche, das umfangreiche Darstellen auch kleinster Details. Da bin ich anderer Meinung: Wichtig ist das Weglassen. Nun, Neuendorf schreibt dicke Kriminalromane, ich bin Dichter.
...Erst neulich haben wir darüber gesprochen. Es war schon spät am Abend, und die einzige Ausbeute des Tages waren ganze vier Zeilen – vier Zeilen, von denen ich nicht einmal überzeugt war. Neuendorf lachte darüber, er habe gerade noch mal zehn Seiten zu den übrigen 500 in den PC gehämmert und sei mit seinem neuen Roman jetzt nahezu fertig.
...„Warum geht es denn darin?“

*

...„Das werde ich Ihnen doch nicht sagen, Herr Kuhn. Das weiß keiner, nicht einmal mein Verleger.“
...Später verriet er mir dann doch, warum es ging, allerdings nur in Stichworten: „Eine Mafia-Story: Pizza, Pasta und Pistolen; also, wie mit den ersten Gastarbeitern in den sechziger Jahren auch die organisierte Kriminalität südländischer Prägung in Deutschland ihren Einzug hielt.“
...Das Thema habe er mir auch nur deshalb verraten, so ließ er durchblicken, weil ich ja kein richtiger Kollege sei. Stimmt, mein Geld verdiene ich als Taxifahrer. Sollte ich ihm sagen, dass ich drei Jahre Germanistik studiert habe? Geschenkt! Neuendorf würde nur geringschätzig schnauben.

...Er gehört zu den Menschen, die glauben, wahre Literaten seien harte Männer, die wie Dashiell Hammett neben der Schreibmaschine griffbereit eine Flasche Hochprozentigen haben. Oder eine Jagdflinte wie Ernest Hemingway. Oder die sich durchs Leben huren und saufen wie Charles Bukowski. Mich hält Neuendorf für einen elenden Spießer, wenn er sich überhaupt die Mühe macht, über mich nachzudenken. Er kennt mich nur von den Taxifahrten, wenn er zu betrunken war, um seinen eigenen Wagen zu lenken. Bei einer dieser Touren hatte ich ihn etwas näher kennengelernt und ihm am Fahrtziel mein Geschäftskärtchen gegeben:
...„Übrigens, ich schreibe auch.“
...„Was denn?“

*

...„Gedichte.“
...„Klasse, Mann, weitermachen!“, hatte er mir geraten und hinzugefügt: „Gedichte, na ja, immer noch besser als in den leeren Stunden ganz zu verblöden.“
...Nun, die „leeren Stunden“ haben durchaus ihren Vorteil. Da mache ich mir nämlich so meine Gedanken, da entstehen die Gedichte, die ich zunächst in einem Ringblock notiere, um sie dann später in meinen Computer zu tippen. Ich habe sogar schon bei einigen Ausschreibungen mitgemacht. Aus Spaß, denn was das Honorar angeht, dafür würde keine Putzfrau ihren Schrubber aus dem Besenschrank holen, kein Taxifahrer den Anlasser betätigen. „Brotlose Kunst“, urteilen meine Kollegen, also die Jungs, die in ihrer Wartezeit hinter dem Steuer Zeitung lesen oder Radio hören. „Mensch, Moritz, musst mal ’nen Bestseller schreiben“, sagen sie und lachen.
...Kollege Neuendorf ist schon auf dem besten Weg dahin. Der bekommt für so einen Roman, den er in wenigen Monaten runterhämmert, wie er es nennt, zwanzig- oder dreißigtausend als Vorschuss, normalerweise. Diesmal arbeitet er ohne Vorschuss, weil ja noch keiner von seinem Vorhaben weiß. Denn Neuendorf hat Angst, dass ihm jemand die Idee klaut.
...„Ich dachte, die Ausführung sei wichtig, der Stil.“

...„Im Prinzip schon“, hat er gesagt. „Aber manchmal liegen bestimmte Themen in der Luft, da muss man als erster auf dem Markt sein. Zudem gibt es Romane, bei denen der Plot, die Idee, eine außergewöhnliche Rolle spielt, und wenn die jemand vor dir verwertet, kannst du deine Arbeit vergessen.“
...Als Beispiel hat er den Roman „Zwei Fremde im Zug“ von Patricia Highsmith genannt. „Eine geniale Idee, dieser Mord überkreuz; einer mordet für den anderen, sodass keiner ein Motiv hat und beide nicht zum Kreis der Verdächtigen zählen. Doch ja, die Highsmith ist schon gut, aber mit dieser grandiosen Idee hätte auch ein weniger begabter Schreiber Erfolg haben können.“
...Neuendorf wohnt außerhalb der Stadt in einem Haus am Waldrand. Sein Refugium, kein Telefonanschluss, kein Fernsehen, keine Ablenkung, so könne er sich voll auf die Ausarbeitung konzentrieren.
...„Und was ist mit den Recherchen?“, brachte ich ihn auf sein Lieblingsthema.
...„Ungeheuer wichtig!“, fing er den Ball auf. „Wenn ich zum Beispiel über einen Taxifahrer wie Sie schreiben müsste, dann würde ich eine Weile selbst Taxi fahren. Und der Figur des Taxifahrers würde ich Ihren Namen geben, dann hätte ich Sie beim Schreiben vor Augen. Das ist meine Methode.“

Fortsetzung folgt....
am 1. August
.....
am.
am ....


Aktualisiert am 15. Juli 2024 | kontakt@niklaus-schmid.de

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