Niklaus Schmid


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Story 2020

Neue Story 2020


Zen in der Kunst mit dem Bogen zu töten



„Komm, Charlie, wir haben eine Stunde Zeit“, flüsterte die Frau. Sie hatte graugrüne Augen und lächelte spöttisch.
...Der Mann, der ihre Stimme hörte, lag auf einer Pritsche und starrte gegen die Zellendecke. Er nahm einen Pfeil, den nur er sehen konnte, und legte ihn auf die Sehne eines unsichtbaren Jagdbogens. Mit dem ausgestreckten linken Arm hob er den Bogen in Augenhöhe, mit der rechten Hand hielt er das befiederte Ende des Pfeils zwischen Zeige- und Mittelfinger. Dann spannte er den Bogen, mit einer Bewegung, die weich und gleitend aus der Schulter kam und so natürlich geschah wie das Atmen.

*
v

Als die Kuppe seines Zeigefingers den Mundwinkel unterhalb des dunkelblonden Schnurrbarts berührte, hielt er inne. Die Stahlspitze lag nun am Schussfenster des Bogens an. Bis zu zwei Minuten konnte er, ohne zu zittern oder zu wanken, die hohe Zugkraft des Bogens halten.
...Er wartete, die Augen starr auf die Stelle gerichtet, wo eben das Gesicht erschienen war. Aus den Kalkritzen der Zellendecke wuchsen Büsche, die Zweige teilten sich – da war sie wieder! Der Schütze stellte sich vor, dass das Ziel unendlich weit entfernt wäre und dass der Pfeil, wenn er ihn losließe, auf einer Bahn flöge, die er schon vor langer Zeit durchmessen hatte.
...„Wie oft muss ich dich noch töten?“, murmelte der Mann.

Der Plan war alt. Schon als Schuljungen hatten sie davon geträumt, einmal in Afrika auf Großwildjagd zu gehen. Viele Jungen denken daran und geben die Idee später auf. Bei Karlo Rupp und Ulli Harden war das anders. Sie hielten an ihrem Traum fest, gaben ihm später nur eine neue Richtung. Mit Pfeil und Bogen wollten sie auf Jagd gehen. Sie wollten dem Wild eine Chance geben und sich selbst der Gefahr aussetzen.
...Eines Tages betraten sie ein Sportgeschäft. Sie nahmen Sportbögen in die Hand, die für den Wett-
kampf mit Zielvorrichtungen ausgestattet waren, und Jagdbögen, die für das intuitive Bogenschießen, wie es in der Fachsprache hieß, geeignet waren.

**


...„So ein moderner Jagdbogen“, der Verkäufer strich über die aus Ahornholz und Kunststoff geformte Waffe, „ist allen Bögen überlegen, die jemals von Mongolen oder Indianern, von afrikanischen Buschmännern oder europäischen Soldaten des Mittelalters benutzt wurden.“
...Rupp und Harden entschieden sich für zwei Jagd-
bögen gleicher Marke und gleicher Zugkraft, deren Wurfarme sie nach einer Eingewöhnungszeit gegen stärkere auswechseln konnten. Dazu kauften sie
Pfeile mit runden Aluminiumspitzen und Pfeile mit rasiermesserscharfen Stahlspitzen sowie einige Strohscheiben.
...Ein geeignetes Übungsgelände fanden sie außerhalb von Celle im Naturpark Südheide. Rupp hatte dort ein Gebiet ausfindig gemacht, in das weder die Wanderer noch die Kutschen voller Ausflüglern kamen, allenfalls mal Schäfer mit ihren Heidschnucken. Dafür gab es dort Dünen und jene Vegetation, die mit dem kargen Boden zufrieden war.

...Flächen mit Besenheide und Wacholderbüschen wechselten mit Wäldern, in denen Birken und Kiefern wuchsen und wo das Unterholz aus Dornenbüschen und harten Gräsern bestand.
...Die Dünen waren ideal fürs Bogenschießen, weil jene Pfeile, die das Ziel verfehlten, im Sandboden keinen Schaden nahmen. Ein weiterer Vorteil für die Schützen bestand darin, dass sie von den Bodenwellen weit über das Land blicken und so frühzeitig jeden entdecken konnten, der sich dem Gebiet näherte. Denn auf keinen Fall wollten die Freunde bei der Ausübung ihres Sports jemanden gefährden.
...Meist fuhren Rupp und Harden sonntags in aller Frühe in die Südheide, verteilten die Strohscheiben im Gelände und schossen auf jedes Ziel sechs Pfeile. Harden hatte gute Anlagen; aber um ein wirklich guter Schütze zu werden, fehlten ihm Geduld und Ernsthaftigkeit.

***

...„Das Bogenschießen ist mehr als ein Freizeit-
vergnügen“, belehrte Rupp seinen Freund. „Es ist eine Auseinandersetzung des Schützen mit sich selbst, und es kann eine Angelegenheit auf Leben und Tod sein.“
...„Früher vielleicht, heute ist es ein Sport, und zwar einer, der Durst macht auf ein frisch gezapftes Bier.“ Harden lachte. „Komm, Charlie, ich gebe einen aus.“
...Sie sammelten die Strohscheiben ein und fuhren zum Waldcafé in Hermannsburg. Schon beim Aussteigen bemerkte Rupp die junge Frau, die allein an einem Tisch saß. Sie war Mitte zwanzig, hatte ein Glas mit einem bunten Getränk vor sich stehen und rauchte eine Zigarette. Ihr Haar war von einem Kastanienbraun, das ins Rötliche spielte. Eine Locke hing ihr in die Stirn, gelangweilt blickte sie in die Ferne.
...Während Rupp noch überlegte, steuerte Harden bereits auf den Tisch zu. Seine Frage, ob sie Platz nehmen dürften, beantwortete die Frau mit einem
gleichgültigen Schulterzucken.

...Die beiden Freunde setzten sich. Harden bestellte zwei Bier und ein buntes Getränk für die Tisch-
nachbarin. Sie tranken, lächelten sich zu, und danach zog Harden seine alte Nummer ab, indem er Rupp als seinen Bruder Charlie vorstellte. „Wir teilen alles miteinander“, betonte er.
...Und wie fast immer kam prompt die Frage: „Wirklich alles?“
...„Na ja, wenn etwas besonders hübsch ist, dann nicht“, antwortete er mit einem vielsagenden Blick. Was heißt, flache Scherze, hatte er mal bei ähnlicher Gelegenheit gesagt, Frauen musst du neugierig machen oder zum Lachen bringen.
...Nach einer weiteren Runde fuhren sie zu dritt nach Celle. Das Fahrrad der jungen Frau lag auf dem Dachträger des Range Rover, Rupp saß am Steuer, Harden und das Mädchen teilten sich, obwohl auf der Rückbank noch Platz war, den Beifahrersitz.

****

...Vor Hardens Wohnung in der Altstadt stiegen die beiden aus. Sie holten das Fahrrad vom Autodach und standen auch dann noch eng zusammen, als Rupp am Ende der Straße in den Rückspiegel blickte. Manchmal beneidete er seinen Freund um dessen leichtfüßige Art, die bei vielen Frauen gut ankam.
Dies war mal wieder so ein Tag.

In der folgenden Woche dachte Rupp bei der Arbeit – er war Statiker in einem Architektenbüro – häufig an die Frau aus dem Waldcafé. An ihr Lachen, ihre graugrünen, schräg geschnittenen Augen und die Art und Weise, wie sie ihr Haar aus der Stirn blies. Am Freitagnachmittag rief er Harden an, um sich mit ihm für das Wochenende zu verabreden.
...„Ich habe zu tun“, sagte Harden. Ob es sich um einen Auftrag des Stadtmagazins handelte, für das er gelegentlich Fotos und kleinere Reportagen machte, erwähnte er nicht. Rupp war enttäuscht, ließ sich aber nichts anmerken.

...Am Sonntag fuhr er allein in die Heide, war konzentrierter als sonst und schoss genauer als je zuvor. Er war zufrieden mit sich, und seine Laune besserte sich sogar noch, als der Postbote ihm am Mittwoch einen Brief aus Afrika überreichte. Wenn bestimmte Großwildarten in einem Schutzgebiet überhand nahmen, gab die Reservatsverwaltung einige der Tiere zum Abschuss frei. Auf diese Jagderlaubnis, Mittelpunkt ihrer Reise, hatten die Freunde lange gewartet.
...Endlich!, dachte Rupp. Jetzt konnten sie mit den Vorbereitungen beginnen. Impfungen waren nötig, Visa mussten beantragt und eine Schiffspassage gebucht werden. Sie wollten den Range Rover nämlich von Piräus nach Alexandria verschiffen, von dort auf der Nord-Süd-Route bis Nairobi fahren und dann weiter in das Gebiet der Massai. Mindestens drei Monate würden sie unterwegs sein, wahrscheinlich länger. Rupp sah die Reise als Auftakt zu einem neuen Leben.


*****

...Voller Tatendrang wählte er Hardens Telefon-
nummer, erreichte ihn aber nicht. Er versuchte es noch mehrere Male. Am Donnerstag sprach er auf den Anrufbeantworter, erhielt aber keinen Rückruf. Allmählich wich sein Groll der Sorge, es könnte dem Freund etwas passiert sein. Am Freitagabend fuhr er zu Hardens Haus, sah Licht bei ihm im Fenster und drückte auf die Klingel.
...Aus dem Sprechanlage tönte eine weibliche Stimme: „Studio Harden. Kathie Burgass.“
...Rupp erkannte die Stimme. Es war die junge Frau aus dem Waldcafé.
...Sein Puls schlug schneller, verwirrte fragte er: „Wieso Studio? Und wo ist Harden?“
...„Mit wem spreche ich bitte?“, fragte sie kühl.
...„Karlo Rupp.“
...„Ach, Sie sind’s, Bruder Charlie.“ Die Ironie war

nicht zu überhören. „Moment mal!“
...
Getuschelte Worte. Dann hörte er Harden: „Hallo, alter Junge, wollte dich gerade anrufen. Komm doch rauf.“
...In Rupps Ohren klang das zu glatt, um aufrichtig zu sein. Erneut stieg Ärger in ihm hoch. Am liebsten wäre er weggegangen, doch da kam Harden ihm auch schon entgegen, umarmte ihn und führte ihn die Treppe hoch zu seiner Wohnung, die in der ersten Etage eines renovierten Fachwerkhauses lag.
...Bereits im Flur fiel sein Blick auf die junge Frau, die sich mit Kathie Burgass gemeldet hatte. Sie saß auf einem Sofa, hatte die Beine untergeschlagen und war mit einem langen Pullover bekleidet, den sie über die Knie gezogen hatte.
...Harden strahlte über das ganze Gesicht. „Das ist Kathie, du kennst sie ja. Kleine Überraschung, was?“

******

...„Ja, tolle Überraschung“, sagte Rupp und deutete mit dem Kinn auf die weiße Sitzecke einschließlich Sofa und auf das große Bett, über dem ein Fallschirm hing. Die Hälfte des Raums war mit einem dicken, sand-
farbenenTeppich ausgelegt. Bei Rupps letztem Besuch hatten auf dem Holzboden lediglich zwei Matratzen gelegen und in der Ecke hatte ein großer Kühlschrank gestanden, in dem Harden früher seine Diafilme und, für alle Fälle, immer eine Flasche Sekt gelagert hatte. Jetzt fiel Rupps Blick in dieser Ecke auf eine blaue Rollwand, davor zwei Scheinwerfer, Stativ und
Filmkamera.
...„Kathies Idee“, erklärte Harden unnötigerweise.
...„Toll!“ Rupp kam sich wie ein Eindringling vor.
...„Setz dich, Charlie. Was liegt an?“
...„Am Mittwoch habe ich die Jagdgenehmigung

erhalten.“
...„Hm, prima.“
...
Nach all den Schwierigkeiten, dieses Papier zu bekommen, hatte Rupp mehr Begeisterung erwartet.
...Er sagte: „Nun können wir fest planen. Ich muss ja in der Firma kündigen und für meine Wohnung einen Untermieter suchen und auch sonst …“
...„Ja, klar. Reden wir darüber, nachher. Ich bin ein bisschen in Druck, wusste ja nicht, dass du kommst. Tut mir leid. Aber ich muss jetzt los. An der Oberaller trainieren die Teilnehmer für den Celler Triathlon im August. In einer Stunde, spätestens zwei bin ich zurück. Nein, nein, bleib“, er drückte Rupp in den Sessel zurück, „kannst Kathie Gesellschaft leisten.“ Er schnappte sich seine Kameratasche, rief: „Biete meinem Freund was zu trinken an!“

*******

...Kathie stellte eine Flasche Wein auf den Tisch, doch Rupp wollte nur Wasser. Sie nickten sich zu, tranken, sagten aber nichts. Nach zehn Minuten fühlte Rupp sich so unbehaglich, dass er aufstand und zum Fenster
ging. Es hatte zu regnen begonnen.
...Als er sich umdrehte, sagte sie: „Ulli hat da was von einer Afrikatour erzählt, die ihr unternehmen wollt.“
Sie hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und sprach, als rede sie mit der Zimmerdecke.
...„Ja, stimmt. Ist schon alles geplant.“
...„Kommt mir vor wie die Flucht von zwei frustrierten Typen.“
...„Ach ja?“ Rupp nahm sich vor, ganz ruhig zu bleiben.
...„Könnte natürlich auch mit dem Männlichkeitswahn zusammenhängen, das hat man ja oft, bei, na ja …“
...„Bei Schwulen?“
...„Nein, eher bei Männern, die Angst davor haben,
dass sie latent homosexuell sind.“

...„Sie haben ja 'nen Knall.“ Rupp sprach lauter, als er beabsichtigt hatte. Aber nun war er wirklich wütend auf sie, weil sie sich in Dinge einmischte, die sie absolut nichts angingen. Darüber hinaus war da noch etwas, das er nicht begründen konnte. Mitten in seinen Gedankengang hörte er sie sagen:
...„Wir hätten eine Stunde Zeit, Charlie.“ Sie sah ihm in die Augen.
...Er war so überrascht, dass er zusammenzuckte. Um überhaupt etwas zu tun, strich er mit dem Daumen-
nagel über seinen Schnurrbart, von der Mitte nach rechts, von der Mitte nach links. Ihm war klar, dass sie mit ihm spielte. Ich könnte zum Schein auf das Spiel eingehen, dachte er. Der Gedanke verursachte ein Kribbeln in seinem Magen, und nicht nur da.
...„Bist doch sein Bruder, mit dem er alles teilt.“ Sie lächelte. „Hat er jedenfalls gesagt.“

********

...Sein Mund wurde trocken. Er nahm einen Schluck Wasser, stellte das Glas zurück.
...Sie sagte: „Das sind doch alles nur Verzögerungen. Komm, Charlie.“ Sie klopfte mit der flachen Hand auf das Sofa.
...Er ging zu ihr und beugte sich über sie, ganz langsam, noch immer darauf gefasst, dass sie ihn abweisen würde. Doch dann kam der Augenblick, wo das nicht mehr möglich war. Seine Bedenken schwanden und machten einem Gefühl des Triumphs Platz. Er hörte ihr heftiges Atmen, er besaß sie. Seine Bewegungen wurden kräftiger und schneller. Als er sie küssen wollte, wandte sie den Kopf ab.
...Sie erhob sich, zog ihren Pullover zurecht und tappte auf nackten Füßen in Richtung Bad. Nach einigen Minuten kam sie zurück, mit wiegenden Schritten und einer Miene, als ob zwischen ihnen nichts gewesen wäre. Einen Moment lang hatte Rupp das

unwirkliche Gefühl, dass er sich tatsächlich alles nur eingebildet hätte.
...Sie blieb vor ihm stehen, schenkte zwei Gläser mit Wein ein, schob eins davon über die Tischplatte in seine Richtung. „Männer mit Wut im Bauch sollen die besten Liebhaber sein. Angeblich.“ Ein unbestimmtes Lächeln kräuselte ihre schmalen, jedoch schön geschwungenen Lippen. „Na ja, jedenfalls haben wir uns jetzt kennengelernt, schnell und intensiv.“
...Er sagte nichts, er trank nicht von dem Wein, er fühlte nichts, er hoffte nur, dass sie kein weiteres Wort sagen würde.
...„Und nun können wir über Ulli Harden sprechen.“ Sie malte mit einem Finger in einer Weinpfütze auf dem Tisch herum. „Wie du eben bemerkt hast, bin ich sehr direkt und deshalb sage ich es dir gleich vor den Kopf: Aus der Afrikareise wird nichts.“

*********

...Den ganzen Abend – bis auf wenige Augenblicke – hatte er die Falle geahnt; als sie nun zuschnappte, überraschte es ihn dennoch. Er riss sich zusammen, fragte gedehnt: „Warum wird nichts daraus?“
...„Es gibt andere Pläne. Hier“, ihr Blick wanderte durch den Raum, „und überhaupt.“
...„Meinst du wirklich, dass Harden eine wie dich …“ Er ließ den Satz absichtlich offen.
...„Ach so!“ Sie lachte sorglos. „Wenn du Lust hast, sag's ihm ruhig. Ich werde es ihm sowieso bei passender Gelegenheit erzählen.“ Sie hielt ihren Kopf schräg, als lausche sie. „Tja, was meinst du, wen von uns beiden er danach wohl fallen lässt?“
...„Na, wen schon!“, rief er hitzig, obwohl er nun, nachdem die Fronten klar waren, im Innern kalt war. „Einen guten Freund, den er seit Jahren kennt, oder ein Biest, dass sich erst seit ein paar Tagen bei ihm

eingenistet hat? Rate mal!“
...„Ich brauche nicht zu raten, ich weiß es schon.“
...Nach einer Pause sagte er: „Du nimmst also an, Harden genau zu kennen. Aber wie Männer sich im Beisein einer Frau geben, ist nur eine Seite ihres Charakters.“ Nichts in seiner Stimme verriet, dass er zum Kampf entschlossen war, als er ihr vorschlug, am kommenden Sonntag in die Sandhügel zu kommen. „Beobachte uns eine Zeit lang, lausche, was wir besprechen, dann kannst du eine Menge lernen, über Männerfreundschaft und auch über Harden.“
...Sie hörte belustigt zu, als er ihr den Weg und genau die Stelle beschrieb, wo sie üben würden. „Ja, prima, Charlie, ich komme pünktlich zur Vorstellung.“
...Dicke Tropfen prasselten gegen die Fensterscheiben. Rupp hoffte, dass es am kommenden Sonntag nicht regnen würde.

**********

Es war strahlender Sonnenschein. Rupp rief seinen Freund an, sagte, dass er in etwa zehn Minuten bei ihm sei, packte seine Ausrüstung in den Range Rover und fuhr los. Harden erwartete ihn schon an der Haustür. Im Auto sagte er: „Eigentlich wollte ich Kathie mitnehmen, aber sie hat heute etwas anderes vor und dafür braucht sie auch meinen Wagen. Geheimnisvolle Andeutungen hat sie gemacht und von einer Überraschung gesprochen. Ach, diese Frau“, seufzte er glücklich.
...Rupp ließ die Kupplung kommen, gab Gas und fragte: „Ist das nun eine feste Sache mit ihr?“
...Harden wiegte den Kopf. „Was heißt schon fest? Jedenfalls sind diese lockeren Geschichten auf die Dauer auch nichts. Ich meine, wir sind über dreißig.“
...„Na und? Kein Familienschaf sein, sondern ein Adler, frei und oft in Gefahr, aber selbst auch gefährlich sein. Auf dem Seil des Lebens tanzen, ohne Netz!“

...„Was sind denn das für Sprüche?“
...„Deine Worte, mein Freund, du hast sie nur vergessen.“
...„Was willst du damit sagen?“
...„Diese Frau ist ein Klotz am Bein. Pass auf, bald kommt sie mit Wünschen, will Sicherheit, möchte vielleicht ein Kind.“
...Harden sog scharf die Luft durch die Zähne, auf seiner Stirn bildete sich eine steile Falte. „Mach ruhig weiter, wo du gerade dabei bist. Spuck es aus!“
...„Schick sie zum Teufel! Sie taugt nichts.“
...„Wie kommst du dazu, so über sie zu sprechen?“, zischte Harden.
...„Du hattest mich aufgefordert, meine Meinung zu sagen.“
...Hardens Gesicht verzerrte sich. Er packte Rupps Oberarm, und für einen Moment sah es aus, als wolle er auf ihn einschlagen.


***********

...Doch dann drückte er seine schmalen Schultern in die Ecke zwischen dem Rückenpolster und der Wagen-
tür. Es wurde unangenehm still im Auto. Jeder hing, sichtbar für den anderen, seinen Gedanken nach. Es dauerte eine längere Zeit, bis sich ihre Blicke trafen.
...Harden war der Erste, der sprach: „Mensch, Charlie, wir benehmen uns wie Idioten, und das wegen einer Frau.“ Er zuckte die Achseln. „Du kennst mich ja, bei jeder anderen Frau würde ich jetzt sagen, in Ordnung, hast recht.“ Er versuchte ein Grinsen. „Vielleicht würde ich auch sagen, schlaf mal mit ihr. Aber mit Kathie, nun ja, ist es anders – bei ihr könnte ich es nicht ertragen, und deshalb …“
...„Schon gut, du verrückter Hund“, sagte Rupp versöhnlich. Sie schauten sich an, aber in ihren Augen lag nicht das Verständnis früherer Tage.

...Nachdem sie den Fluss Örtze überquert hatten, bog Rupp von der Landstraße in einen unbefestigten Weg ein. Der Wagen holperte über eine Strecke, die vor Jahren von den Kettenfahrzeugen der britischen Armee und später von Bundeswehrpanzern geformt worden war. Vor Rupps Augen tauchten die waschbrettartigen Wüstenpisten auf, die er sich so oft in den Bildbänden angeschaut hatte. Savanne. Urwald. „Entweder muss man ganz langsam fahren oder richtig brettern“, sprach er zur Seite und gab Gas.
...„He, langsam, wir ziehen eine riesige Staubfahne hinter uns her!“
...„Sieht doch keiner.“
...Sie näherten sich dem Wald, der Teil des Manöver-
geländes war.

************

...Nachdem sie den Wagen im Schatten der ersten Kiefern abgestellt hatten, schulterten sie Bogen und Zielscheiben und stapften durch Wollgras und Heidelbeersträuchern den Hügel hoch. An ihrem Übungsplatz angekommen, den Rupp schon aus seiner Bundeswehrzeit kannte, begann er sogleich damit, die erste Zielmarkierung aufzustellen. Er rammte einen Pflock in den Sandboden, stellte die Strohscheibe dagegen und befestigte darauf das Pappbild eines Leoparden. Büsche behinderten die Sicht auf das Ziel.
...„Schwieriges Schussfeld“, bemerkte Harden.
...„Wie in der Wildnis“, sagte Rupp. „Der Jäger versteckt den Köder, am besten ein lebendes Opfer, im Dickicht, das Raubtier schleicht ans Opfer heran und wird im

Moment des Zupackens, also auf dem Höhepunkt seiner Kraft, selbst zum Opfer. So ist es in der Wildnis, so üben wir es hier.“ Er sah seinen Freund eindringlich an. „Es bleibt doch dabei, dass wir fahren, oder? Falls du es dir anders überlegt hast, dann sag es mir jetzt!“
...Harden wich dem Blick aus. „Aber ja doch, Charlie, wir fahren“, sagte er, während er die gewachste Sehne über das Bogenende schlug.
...Als er einen Pfeil mit Aluminiumspitze auflegen wollte, winkte Rupp ab. „Warte! Heute nehmen wir diese hier.“ Er öffnete einen Kasten, in dem sechs Pfeile mit stählernen Jagdspitzen lagen. „Wir müssen uns mit den echten einüben. Wenn es darauf ankommt, muss der erste Schuss sitzen, tödlich.“

*************

...Hardens Schüsse zeigten deutlich, wie viel Übung ihm fehlte. Die ersten drei Pfeile bohrten sich vor der Strohscheibe in den Sand. Rupp, der einige Schritte seitlich der Zielmarkierung auf einer Anhöhe stand, rief: „Höher! Viel höher! Die Stahlspitze ist schwerer, das erfordert eine steilere Flugbahn.“
...Er hob die Hand gegen die Sonne. Von dem Hügelkamm aus hatte er einen guten Ausblick. Der Himmel war so blau, wie er in dieser Region überhaupt sein konnte. Eine Staubfahne näherte sich. Als Rupp das nächste Mal die Umgebung mit dem Fernglas absuchte, war das Auto so nah heran, dass er es erkennen konnte. Es war Hardens Cabrio; am Steuer saß eine Frau.
...„Sie ist pünktlich“, sagte Rupp für sich. Er schloss die Augen und machte tiefe Atemzüge.


...Plop! Hardens vierter Pfeil hatte die Scheibe am unteren Rand getroffen.
...„Noch steiler!“
...Den fünften Pfeil schoss Harden weit über das Ziel hinaus, den sechsten wieder zu kurz. Rupp sammelte die Pfeile ein. Als Harden auf ihn zukam, sagte Rupp: „Einen kann ich nicht finden. Gehst du ihn suchen, dann kann ich schon mal üben?“
...Er legte eine stabile Manschette über seinen linken Unterarm, zog den Fingerschutz aus weichem Leder an und begann zu schießen.
...Seine gedankliche Vorbereitung und die Nachmittage, die er allein zum Bogenschießen gegangen war, zahlten sich nun aus: fünf Schüsse – fünf Treffer. Den Pfeil, den Harden immer noch suchte, hielt Rupp in der Hand. Er wartete.

**************

...Da schlich sie heran, die Raubkatze. Das Rascheln in den Büschen und ein auffliegender Vogel hatten sie verraten. Jetzt teilten sich die Zweige. Zuerst sah er ihr Haar und eine Handbreit helle Haut, die Stelle zwischen Hals und dem Kragen der Bluse, dann ihren ganzen Oberkörper. Deutlich war die Brusttasche auf der linken Seite ihrer Bluse zu erkennen. Sie hatte sich eine Blume ins Knopfloch gesteckt. Ihr Gesicht drückte dieselbe Überheblichkeit aus wie an dem Abend, als sie sagte: „Komm, Charlie, wir haben eine Stunde Zeit.“ Das war in Hardens Wohnung gewesen.
...Heute jedoch befand sie sich auf fremden Gebiet.
...Hier war Rupps Revier.
...Seit vielen Jahren. Mit seinen Eltern war er vom Ruhrgebiet nach Celle gezogen, weil sein Vater, ein Bundeswehrsoldat, dorthin versetzt worden war; da war er sieben. Anfangs konnte er sich nur schwer eingewöhnen.

...Er war ein dickes Kind und galt als Streber, weil er viel las. Von den Mitschülern wurde er erst anerkannt, nachdem er sich mit Ulli Harden, dem Wortführer der Klasse, angefreundet hatte.
...Nach der Schule und nach seinem Militärdienst bei einer Kampftruppe studierte Rupp Architektur und arbeitete nebenbei als Fremdenführer im Naturpark Lüneburger Heide. Es ging ihm nicht nur um das Geld, sondern auch darum, auf diesem Wege seine Schüchternheit zu überwinden und Frauen kennenzulernen. Mädchen und junge Frauen, davon war er überzeugt, bevorzugten Männer, die sportlich und sonnengebräunt waren, keine bleichen Stubenhocker.
...So einer war er schon lange nicht mehr. Doch immer noch waren Frauen für ihn rätselhafte Wesen, anbe-
tungswürdig und bedrohlich zugleich. Raubkatzen.

***************

...Rupp legte den Pfeil auf die Bogensehne, seine Muskeln spannten sich. Die Anleitung eines Meisterschützen kam ihm in den Sinn: „Denken Sie nicht an das, was Sie zu tun haben, überlegen Sie nicht, wie es auszuführen sei! Der Schuss wird ja nur dann glatt, wenn er den Schützen selbst überrascht.“
...Es war, als hätte die Bogensehne die Fingerspitzen jählings durchschnitten. Der Pfeil war auf dem Weg. Ein dumpfes Aufschlaggeräusch – er hatte sein Ziel gefunden.
...Rupp lächelte, alle Spannung war von ihm abgefallen. Mit ruhigen Schritten ging er auf die Strohscheibe zu. In dem angehefteten Bild des Leoparden steckten fünf Pfeile, verteilt auf einer Fläche nicht größer als die einer Männerhand. Als er sich anschickte, die tief eingedrungenen Spitzen


herauszuziehen, hörte er einen Schrei und gleich darauf seinen Namen.
...
Das Rufen kam aus der Richtung, in die Harden gegangen war. Rupp stürzte los, bahnte sich mit Händen und Füßen einen Weg durch das dornige Gestrüpp und stand kurz darauf vor seinem Freund. Harden kniete neben einem Wacholderbusch. Vor ihm, zum Teil von den Zweigen verdeckt, lag eine Frau.
...Ihre Augen standen weit offen, aber der Spott darin war verflogen. Sie trug eine helle Bluse, die auf der linken Seite mit Blut durchtränkt war. Aus dem roten Fleck ragte das befiederte Ende eines Pfeils. Die Spitze war unmittelbar neben den Blütenstängel einer Glockenheide eingedrungen, die in dem Knopfloch steckte. Das Gesicht der Toten drückte keinerlei Schmerz aus, nur Erstaunen.


****************

...Gut so, dachte Rupp, sie hat nicht gelitten. Er hörte, wie Harden leise sagte: „Ich habe sie getötet. Es ist mein verirrter Pfeil. Ich habe sie getötet.“

*

Vor den Polizisten wiederholte Harden diesen Satz, leise und gleichförmig wie ein Gebet. Da er wegen der Schockwirkung zu keiner weiteren Aussage fähig war, wandten sich die Beamten an Rupp.
...„Ist Ihr Freund ein guter oder ein schlechter Schütze?“, fragte der Wortführer. Er machte sich nicht die Mühe, seine Abscheu zu verbergen.
...„Eigentlich ein recht guter, aber heute haben wir zum ersten Mal andere Pfeile benutzt, und mit denen kam er nicht zurecht.“

...Rupp schilderte das Schießen mit den Stahlspitzen, erwähnte die Fehlschüsse und dass einer der Pfeile weit über das Ziel hinausgegangen war.
...„Kennen Sie die Frau?“
...„Kathie Burgass, eine Bekannte meines Freundes.“
...Als der Name fiel, sagte Harden mit tonloser Stimme, mehr zu Rupp als zu den Polizisten: „Wir wollten heiraten.“
...Rupp nickte und legte einen Arm um die Schulter seines Freundes. Gemeinsam gingen sie zu dem Polizeiwagen.
...Nachdem Rupp auf dem Polizeirevier die Aussage unterschrieben hatte, konnte er nach Hause gehen. Harden musste bleiben.

*****************

...Am Montag ging Rupp wie gewöhnlich ins Büro. Er arbeitete wie besessen, sprach mit niemandem. Als er auf seinem Computer den Bauplan eines Hauses im Grünen betrachtete, glaubte er mit einem Mal in den Linien der stilisierten Büsche und Bäume die Gestalt einer Frau zu sehen. Er zwinkerte mit den Augen, die Gestalt verschwand. Seine überreizten Nerven hatten ihm einen Streich gespielt.
...Am Abend hielt er es in seiner Wohnung nicht aus. Er wanderte durch die Straßen seines Viertels, stellte sich an den Tresen einer Kneipe und bestellte einen Kognak. Es war der erste Alkohol seit langer Zeit.
...Mit dem zweiten Glas kamen wieder die Bilder.

Es waren immer dieselben: das Gesicht einer Frau zwischen Zweigen und eine Blume inmitten eines Blutflecks.
...Die nächsten Tage verliefen so wie der Montag. Er arbeitete, lief nach Feierabend durch die Straßen, aß in einem Schnellimbiss. Mehrfach verspürte er den Drang, in die Sandhügel zu fahren, unterdrückte den Impuls aber.
...Als er am Freitagnachmittag nach Hause kam, warteten im Hausflur zwei Männer auf ihn. Es waren der ältere, gemütlich wirkende Polizist, der ihn befragt hatte, und ein junger, drahtiger, der die Hände in den Taschen seiner Windjacke vergraben hatte.

Fortsetzung folgt...
am 1. Oktober
.....


Aktualisiert am 15. September 2020 | kontakt@niklaus-schmid.de

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