Niklaus Schmid


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Kurzkrimi Nr. 9

Kurzkrimi Nr. 9


Lieben Sie Katzen, Herr Nachbar?


„Mit so einem Traumwagen bin ich noch nie gefahren“, sagte die Frau und blickte voller Bewunderung auf den in Folie verpackten Ferrari. Ihre rauchige Stimme war noch einen Hauch kehliger geworden.
...Der Mann horchte auf. Plötzlich betrachtete er die Frau mit ganz anderen Augen.
...Sie war groß und schlank und trug ein enges schwarzes Kleid mit breitem roten Gürtel. Ihr halblanges Haar war dunkel und glatt, ihr Gesicht kühl und beherrscht: eine Frau, die selbst im Sommer glaubhaft Pelzmäntel vorführen könnte, überlegte der Mann. Überhaupt konnte er sich eine Menge bei ihr vorstellen, so sehr beflügelte sie nun seine Fantasie. Für eine Journalistin war sie recht stark geschminkt, fast etwas nuttig, aber das gefiel ihm.

*

...Die Frau ließ den Ringblock, in dem sie während des Interviews Notizen gemacht hatte, in ihrer Schultertasche verschwinden und kramte stattdessen eine Zigarettenspitze hervor. Sie riss den Filter von einer Zigarette und begann zu rauchen, in einem altmodischen Stil, der jedoch zu ihr passte.
...„Ich selbst habe ihn auch nur einmal gefahren“, sagte der Mann, eine Hand lässig in der Hosentasche seines Maßanzugs, der die gleiche Grautönung wie sein Schläfenhaar hatte. „Vom Händler bis zu dem Pavillon hier, den ich für das Schätzchen extra haben bauen lassen – und das war’s dann.“
...„Reizt es Sie nicht ein zweites Mal?“
...
„Kaum.“ Er hob die Schultern.
...„Nicht mal eine kleine Spazierfahrt?“ Ihre Hand folgte den Linien der Karosserie, und der Mann zuckte innerlich zusammen, weil ihre Fingernägel rot lackiert und spitz gefeilt wie Krallen waren.
...„Eine Spazierfahrt mit einem Ferrari der limitierten Edition“, sagte er bedächtig, „das wäre so, als würde ich Sie mit einer Zeichnung von Paul Klee zu einem Gartenfest einladen.“
...„Könnte mich beeindrucken“, sagte die Frau, während sie mit dem Mittelfinger ihrer rechten Hand das Firmenemblem auf der Haube, ein springendes Pferd, nachzeichnete.
...„Was wäre Ihnen eine Spazierfahrt denn so wert?“, fragte der Mann. Als ein in vielen Verhandlungsschlachten erprobter Geschäftsmann wusste er, dass die Konditionen von vornherein klar sein mussten.
..

...„Viel“, sagte die Frau und lächelte. „Sehr viel.“
...Der Mann spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Zwar würde so eine Spazierfahrt eine Menge Umstände bereiten – doch die Frau war diesen Aufwand wert.
...„Morgen Nachmittag?“
...Die Frau nickte. „Bis morgen dann, Herr Dr. Stockheim.“

Am Abend rief Stockheim seine Frau an. Er fragte nach dem Wetter im Urlaubsort und erkundigte sich nach dem Befinden der beiden Enkelkinder.
...„Doch ja“, sagte er, „das Gespräch mit dem Wirtschaftsmagazin ist bereits gelaufen, das heißt bis auf einen zusätzlichen Fototermin morgen. Und übermorgen komme ich dann.“ Er blickte zum offenen Kamin und nahm sich vor, Brennholz bereitzulegen. Offenes Feuer machte sich immer gut. „Ich dich auch“, sagte er abwesend und legte auf.
...Am anderen Tag gab Stockheim seinem Fahrer vorzeitig frei, setzte sich gegen Mittag selbst ans Steuer seines Mercedes und verließ die Firma.
...Zu Hause befreite er als Erstes den Ferrari aus der Plastikhülle und hängte das rote Nummernschild, das er sich von einem befreundeten Autohändler geliehen hatte, an die Stoßstange. So würde der Wagen, der nicht angemeldet war, während der bevorstehenden Spritztour versichert sein.
...Stockheim duschte und rasierte sich. Als er zum wiederholten Male sein Aussehen – dunkles Hemd zu einem schwarzen Leinensakko – vor dem Spiegel prüfte, hupte es draußen.

**

...Ihr japanischer Kleinwagen parkte neben dem Ferrari. „Hallo, hier bin ich.“
...Sie trug ein Sommerkleid mit tiefem Ausschnitt, hatte keine Strümpfe an und roch gut.
...Er hielt ihr den Schlag auf. Sie rutschte mit ihrem Hinterteil in das flache Fahrzeug, zog die langen Beine nach, und das alles in einer flüssigen Bewegung, während ihr Blick schon die Innenausstattung aus schwarzem Leder umfasste.
...Auf dem Weg zur Autobahn beantwortete Stockheim die Fragen seiner Beifahrerin:
...„Der Wagen hat einen Zwölfzylinder-V-Motor mit 4,7 Litern Hubraum, der 520 PS bringt. Spitzengeschwindigkeit 325.“
...„Kostenpunkt?“
...„Über dreihunderttausend. Wenn … “ Er machte eine Kunstpause. „Wenn man das Glück hat, zu den wenigen Auserwählten zu gehören. Denn der Wagen stammt, wie gesagt, aus einer limitierten Auflage.“
...„Tatsächlich?“
...„Ja, und das ist es, was die Leute so gierig macht. Sammler zahlen sozusagen jeden Preis. Natürlich muss das Fahrzeug neuwertig sein, nur wenig gefahren, kein Rost, keine Kratzer.“
...„Verstehe, deswegen der klimatisierte Raum und die Schutzfolie.“
...„So ist es.“
...In einer Kurve musste er herunterschalten. Er machte es wie bei seinem allerersten Wagen, einem VW Käfer: Kupplung, Zwischengas, Kupplung – nichts verlernt, es klappte noch immer.
...„Man sieht, es macht Ihnen Spaß.“

...„Es gibt nur eine Sache, die mehr Spaß macht“, sagte er mit einem raschen Seitenblick und fast gegen seinen Willen, denn Zweideutigkeiten waren eigentlich nicht sein Stil.
...„Geld haben?“
...„Nein, Geld haben, das ist langweilig. Geld machen“, betonte er, „das ist spannend. Wissen Sie was das hier ist?“ Er klopfte mit den Knöcheln gegen das Armaturenbrett. „Eine der schnellsten und sichersten Aktien.“
...„So? Warum verkaufen Sie dann Ihre rollende Aktie nicht auf der Stelle?“
...„Weil sie noch steigt. Im Moment könnte ich den dreifachen Einstiegspreis erzielen.“
...„Das wäre ja …“
...„… fast eine Million“, vollendete er ihren Satz.
...Nach einer Viertelstunde erreichten sie die Autobahn; besonders schnell war er bisher nicht gefahren. „Vor uns ist alles frei“, flüsterte sie und legte ihren nackten Fuß auf Stockheims Schuh.
...Obwohl es nicht viel mehr als ein Hauch war, schoss der Wagen nach vorn und Stockheim fühlte sich in den Sitz gepresst. Die Nadel des Drehzahlmessers kletterte in den roten Bereich.
...Ihm wurde ganz heiß im Nacken, seine Finger krampften sich um das Lenkrad. Wenn ich jetzt aufbrause, dachte er, ist der ganze Spaß dahin,
dann stehe ich da wie ein Spießer. Also sagte er
nichts und schaffte es sogar, ihr ein verwegenes Grinsen zu zeigen, während die Tachoanzeige die
260 km/h überschritt.

Fortsetzung folgt....
am 1. September
.......



Aktualisiert am 15. August 2022 | kontakt@niklaus-schmid.de

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