Niklaus Schmid


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Kurzkrimi Nr. 8

Kurzkrimi Nr. 8


Hier bleibe ich!

Erste Besichtigung

Als Lydia Menzel den Besucher nach dem Rundgang durch den verwilderten Garten wieder auf das Haus zukommen sah, glaubte sie zu wissen, was der Mann ihr sagen würde.
...Doch der Besucher, groß, silbergrauer Bart, wandte sich an Lydias Ehemann, der sich bislang aus dem Verkaufsgespräch herausgehalten hatte. „Ziemlich hoher Preis, Herr Menzel“, sagte er bedächtig, „ich meine, für ein Haus, an dem doch so einige Reparaturen nötig wären.“
...„Na ja, das Grundstück, die Gegend, die Preise ganz allgemein hier im Schmallenberger Sauerland, auch das muss man in Betracht ziehen“, brachte Stefan Menzel stockend hervor, er war nervös, denn viel hing von dieser Hausbesichtigung ab. „Außerdem …“
...„Ach, Stefan“, unterbrach ihn Lydia, „ich finde, wir sollten Herr Bonin zunächst einmal fragen, ob ihm das Haus überhaupt gefällt.

*

Denn so ein Preis ist, wie ja immer, auch Verhandlungssache.“ Lächelnd wandte sie sich dem Besucher zu. „Nun, Herr Bonin, was meinen Sie?
Das Haus passt in die Landschaft, Bruchstein, Schiefer, Fachwerk, und es hat Charme, nicht wahr?“
...„Doch ja“, antwortete Bonin. „So von außen
besehen …“
...„Kommen Sie bitte. Gehen wir rein.“
...Er ließ ihr den Vortritt. Lydias Stimme, untermalt vom Stakkato ihrer Schritte, hallte durch die nahezu leeren Räume. Von der großen Küche führte sie den Besucher in den Wohnraum, den sie Bibliothek nannte, obwohl kein Buch zu sehen war. Bonin bemerkte die mit Mahagoni getäfelten Wände, allein sie und die zwar verblichenen, aber kostbaren Tapeten darüber zeugten vom früheren Wohlstand der Bewohner. Auf dem zerschlissenen Teppich standen, gruppiert um einen Gartentisch, vier Korbsessel.
...Die Frau setzte sich. Sie strich ihr Kleid, das eine Idee zu figurbetont war, um wirklich elegant zu sein, über den Knien glatt und machte eine den Raum umfassende Bewegung. „Die Möbel, das alte Zeug haben wir herausgenommen. Es will sich doch jeder nach seinem Geschmack einrichten.“
...Bonin nickte. „Der offene Kamin funktioniert noch?“
...„Das soll er wohl“, sagte Menzel. Es war das erste Mal, dass er sich, ohne direkt gefragt worden zu sein, an dem Gespräch beteiligte. „Obwohl es auch eine zentrale Ölheizung gibt, die unser Onkel erst vor zehn Jahren einbauen ließ.“

...„Wir würden das Haus selbst beziehen“, übernahm seine Frau wieder das Gespräch. „Aber mein Mann und ich sind nun mal Stadtmenschen.“
...„Bin ich eigentlich auch“, sagte Bonin. „Ich mag beleuchtete Straßen, Eckkneipen, eine Apotheke in der Nähe, auch Polizei“, er lachte kurz auf, „wenn’s mal nötig ist. Ich, das heißt wir, meine Frau und ich, leben seit ewigen Zeiten im Ruhrgebiet, wo es ja viel schöner und die Luft sauberer ist, als es sich die meisten vorstellen.“
...„Und warum wollen Sie …?“
...„Nun ja, wir dachten, wir sollten es mal auf dem Land zu versuchen“, beantwortete Bonin die halb gesprochene Frage. Er erhob sich und machte einige Schritte zum Fenster.
...Sein Blick schweifte über bunte Frühlingswiesen hin zu den bewaldeten Höhenzügen des Rothaargebirges, durch die der Orkan Kyrill seine Schneisen gezogen hatte. Kein Straßenlärm, das nächste Haus nur ein weißer Fleck, abends würden Rehe und Wildschweine zu sehen sein. „Doch ja, ich muss sagen, es gefällt mir. Hier könnte ich in Ruhe arbeiten und mich ganz …“, er atmete tief durch, „… mich ganz der Pflege meiner Frau widmen.“
...Als er die Betroffenheit des Ehepaars bemerkte, fuhr er mit nachdrücklicher Frische fort: „Aber zurück zum Geschäftlichen. Mir ist eben bei meinem Rundgang eine Idee gekommen. Könnten wir wohl nochmals ums Haus gehen?“
...„Selbstverständlich“, sagte die Frau.

**

...Mit forschen Schritten bewegte sie sich zur Tür und hinaus in den Garten. Bonin folgte ihr, er betrachtete die Efeuranken an der Fassade, zupfte einen Grasbüschel aus dem Bruchsteinsockel und tippte im Vorübergehen an die Fensterläden, die solide wirkten, aber einen neuen Anstrich brauchten.
...Der Besucher blieb stehen. „Dieser Anbau da, Frau Menzel, ich denke, der ließe sich gut als Werkstatt einrichten. Ich bin Bildhauer, wissen Sie, und bei meiner Arbeit …“ Er hielt inne.
...Unartikuliertes Rufen, das von einem lauten Pochen begleitet wurde, drang aus dem ersten Stockwerk des Anbaus.
...Erschrocken sah Bonin zu dem Erker hoch.
...Die Fensterläden waren halb geschlossen. Hinter der Scheibe erschien das Gesicht eines alten Mannes. Die wachen, gelblichen Augen und das meckernde Lachen, das dem Rufen folgte, erinnerten Bonin an einen Ziegenbock. Unwillkürlich hob er die Hand zur Begrüßung; doch das Gesicht hinter der Fensterscheibe verschwand und war dann nur noch undeutlich in einem Spiegel zu erkennen, der an dem Fenstersims angebracht war und mit dessen Hilfe wohl der Eingang des Anbaus beobachtet werden konnte. Verlegen ließ Bonin die Hand wieder sinken.
...Nachdem das Besitzerpaar einen raschen Blick gewechselt hatte, sagte die Frau: „Oh, entschuldigen Sie den kleinen Zwischenfall, Herr Bonin. Wir wollten
gerade auf das Thema zu sprechen kommen. Das ist


Willi. Tut uns leid, er hat Sie erschreckt, ist jedoch völlig harmlos. Ein wenig seltsam vielleicht, weil er stumm ist – eine Kriegsverletzung.“
...Ich verstehe. Lebt er ständig im Haus?“
...„Gewissermaßen“, sagte Menzel mit Seitenblick auf seine Frau. „Genau genommen in dem Anbau, der ja diesen separaten Eingang hat. Der verstorbene Besitzer des Hauses, mein Onkel, wie erwähnt, hat ihm auf Lebenszeit das Wohnrecht versprochen.“
...„Dieser, ähm, Umstand, Herr Bonin“, warf Lydia ein, „wurde im Kaufpreis berücksichtigt. Ein äußerst günstiger Preis, wie wir meinen. Und, wie soll ich’s sagen, es ist ein Umstand, der sich bald ändern könnte. Unser Willi ist alt, schon über achtzig.“
...„Wir sind der Meinung, alte Bäume verpflanzt man nicht“, nutzte Menzel eine Atempause seiner Frau. „Falls Sie sich hingegen durch den alten Mann beeinträchtigt fühlen und von dem Kauf des Hauses Abstand nehmen wollen …“
...Der Appell an sein Mitgefühl war dem Besucher offensichtlich peinlich. Mit Daumen und Zeigefinger strich er sich über den Kinnbart, nickte mehrmals und sagte: „Ach nein, mich würde der alte Herr nicht stören. Das mit dem Atelier in dem Anbau, das war
nur so ein Einfall. Im Haus ist Platz genug. Allerdings müsste ich mit meiner Frau sprechen; sie befindet sich zurzeit im Ausland, in einem Sanatorium. Wenn Sie einen Monat, oder sagen wir, bis höchstens sechs Wochen auf unsere Entscheidung warten könnten.“

***

...„Na gut“, sagte Menzel, „sprechen Sie mit Ihrer
Frau und …“
...„Ja, Stefan“, unterbrach ihn Lydia, „aber sollten wir Herrn Bonin nicht sagen, dass es noch andere Interessenten gibt.“
...„Ganz klar, Frau Menzel. Rufen Sie mich bitte an, wenn Sie vorher einen anderen Käufer finden.“ Bonin überreichte der Frau eine Visitenkarte, gab beiden die Hand, dann ging er zu seinem Wagen.
...Sobald der Besucher außer Sichtweite war, erstarrte das verbindliche Lächeln der Frau. „Den sehen wir nicht wieder. Hast du bemerkt, wie er sich zusammengerissen hat?“ Sie ahmte die gepflegte Sprechweise Bonins nach: „Ach nein, mich würde der alte Herr nicht stören.“
...Der Mann zuckte die Schultern. „Das war der fünfte und letzte Interessent, der sich auf unsere Anzeige gemeldet hat. Ich schätze, solange der Willi in dem Anbau haust, kriegen wir den Kasten nicht los. Oder wir müssen mit dem Preis runtergehen.“
...„Auf keinen Fall!“
...„Dann müssen wir eben warten und in der Zwischenzeit etwas kürzertreten.“ Sein Blick streifte die neue Garderobe seiner Frau.
...„Ganz im Gegenteil, mein Lieber. Wir werden den Preis erhöhen.“

Montagnachmittag

Die beiden wollen also verkaufen. Seit Tagen kommen Leute, die sich das Haus ansehen; na, mir soll’s recht sein, wäre dann nicht mehr so viel allein und rauswerfen können sie mich nicht, da hab ich ja das Versprechen ihres Onkels. Der gute Erwin wusste, dass sie mich sonst in ein Altenheim abschieben würden.

Die beiden mögen mich nicht, haben sich nie die Mühe gemacht, mich zu verstehen, wie’s der gute Erwin tat, der verstand mich ganz genau; nur wenn’s kompliziert wurde, musste ich schon mal das eine oder andere Wort aufschreiben.
...Wir hatten uns immer was zu erzählen, am meisten natürlich über den Krieg, die lange Zeit im Feldlazarett, wo wir aufwachten, nachdem die Granate – rums!, bums! Glück gehabt, war mein erster Gedanken, obwohl ich weder hören noch sprechen konnte und Erwin viele Wochen blind war. So lagen wir nebeneinander in den Krankenbetten, wie zwei gestrandete Fische, bis Erwin eines Tages auf einem Stück Packpapier ein großes A malte und immer wieder mit den Fingerspitzen darüber strich, bevor er es mir überreichte.
...Unter dem A sah ich sechs Einstiche, von denen der eine links oben kräftiger und deutlicher fühlbar war, wenn ich die Fingerkuppen über das Blatt wandern ließ. Das war der Anfang unserer Unterhaltung: Sticheln
und Fühlen.
...Mühsam war’s, aber wir hatten ja Zeit und langsam bekamen wir Übung, hielten diese Art der lautlosen Zwiesprache sogar noch bei, als Erwin wieder sehen und ich wieder hören konnte.
...Nur mit dem Sprechen wollte es nicht klappen, wenngleich die Stimmbänder in Ordnung sind. Das hinge mit dem Kopf zusammen, sagten die Ärzte, hielten mich vielleicht für einen Simulanten. Auch hinterher, als es nicht um Kriegsdienst, sondern um Rente ging, haben viele mir nicht getraut, haben noch jahrelang alles Mögliche versucht, sprachen von Schockwirkung oder Verweigerung, wollten nicht begreifen, dass es einfach nicht geht.

****

...Und heute, ach, Sprechen ist für einen alten Mann längst nicht so wichtig wie Hören oder Sehen, zum Beispiel auf der Straße wegen der Autos, obschon ich ja kaum rausgehe. Macht aber nichts, krieg ohnehin genug mit, hab schließlich Radio und Fernsehen, ja, so ganz ohne würde ich mich doch sehr einsam fühlen. Ist nichts im Programm, mach ich das Fenster auf. Dann kann ich immerhin noch die Vögel zwitschern hören und beobachten, wie sie in den Bäumen ihre Nester bauen, und ich kann beobachten, wenn die beiden sich dem Haus nähern, mit Besuchern, oder um mir Lebensmittel zu bringen.
...Das tun sie, seit Erwin tot ist, kommen ein-, zweimal die Woche, halten sich für ein paar Minuten auf und fragen, ob es mir nicht langweilig sei so allein; da gebe es doch nette Häuser für Senioren, das Wort Altenheim benutzen sie nicht, sprechen von Häusern mit fröhlichen Gemeinschaften – dass ich nicht lache!
...Was soll ich in solch einem Heim mit lauter Fremden, die mich nicht verstehen? Ich bleibe hier, da können sich die beiden auf den Kopf stellen.
...Sicher, ich bin ihnen unbequem, am liebsten möchten sie, dass ich mich verstecke, wenn Besucher kommen und das Haus besichtigen. Aber ich gehöre dazu, das müssen die neuen Besitzer doch wissen, deshalb mache ich mich auch bemerkbar, zeige, dass ich noch lebe und klar im Kopf bin. Zum Glück ist mir die Idee gekommen, den Lastwagenspiegel ans Fensterbrett zu montieren; so kann ich jeden sehen, der sich dem Eingang nähert, ich will wissen, wer hier mal einzieht.

...Von all den Leuten, die gekommen sind, hat mir der letzte Mann am besten gefallen, ein ruhiges Gesicht, Arme, die zupacken können, wenn es was zu reparieren gibt; schade, wenn ich ihn durch mein Klopfen und das Lachen erschreckt habe; es sprudelte so heraus, als ich die aufgesetzt vornehmen Mienen der beiden zerbröckeln sah, die mal wieder meine Anwesenheit wie etwas Unanständiges hatten verbergen wollen.
...Der Mann hat mir zugewinkt, ich werde die beiden auf einem Zettel fragen, ob er das Haus kaufen will.
...Die beiden sollen mir auch Bier bringen, das dunkle von Essel Bräu, und die Sachen, die mir zum Kochen fehlen; morgen mache ich Nudeln mit Spiegeleiern und hinterher beobachte ich, ob noch andere Leute sich für das Haus interessieren. Ich muss ja alles selbst rauskriegen, die beiden erzählen mir nichts, obwohl ich doch zum Haus gehöre, und ich bleibe auch hier drin, bis ich sterbe, das ist mein Recht.

Dienstagmittag

Ich bin zu spät aufgestanden. Habe unruhig geschlafen. Immer wieder bin ich wach geworden, weil der Regen so stark aufs Dach prasselte. Hörte sich an wie der Trommelwirbel, wenn beim Zirkus die große Nummer angekündigt wird.
...Jetzt ist es draußen wieder ruhig. Und ziemlich stickig hier drin. Ich sollte das Fenster öffnen. Es geht nicht. Seltsam, ob der Wind die Läden zugedrückt hat? So was passiert schon mal. Aber … Moment mal, was ist mit der Eingangstür?

*****

...Herrgott! Ich werde mich doch nicht selbst eingeschlossen haben.
...Nein, nein, der Schlüssel steckt noch im Schloss, die Tür muss sich durch den Regen verzogen haben und klemmt jetzt. Komisch ist das schon, hoffentlich kommen die beiden bald. Ich bin nicht gern auf fremde Hilfe angewiesen, aber die beiden könnten mir helfen, Fenster und Tür zu öffnen.

Mittwoch

Langsam verliere ich das Zeitgefühl, es dringt kaum ein Lichtschimmer durch die Fensterläden und die Türritzen; im Haus muss letzte Nacht die Sicherung rausgesprungen sein, das Licht funktioniert nicht; zum Glück habe ich noch die Kerzen, am meisten fehlen mir jedoch Radio und Fernsehen.
...Zum ersten Mal, seit Erwin gestorben ist, fühle ich mich einsam und Hunger habe ich auch, das Brot ist alle, ohne Strom kann ich nichts kochen. Das Schlimmste aber ist, aus der Wasserleitung kommt kein Tropfen Wasser mehr.

Donnerstag

Klopfen nützt nichts, es hört mich keiner. Wenn ich nur Werkzeug hätte, um die Fensterläden aufzubrechen, die sind stabil, und die Tür ist aus massiver Eiche. Ich versuch’s trotzdem, muss mich bewegen, es ist kalt
geworden. Das Tauwasser vom Kühlschrank hebe ich

mir auf für morgen; schade, dass ich die Wasserspülung aus der Toilette vergeudet habe, ich habe schrecklichen Durst.


Freitag

Warum kommen die beiden nicht, um mich zu befreien … oder wollen die nicht … oder haben die sogar – aber das wäre unmenschlich, mir wird ganz schwindlig im Kopf … ruhig, ruhig, wer sonst weiß, dass ich hier drinstecke …
...Ich muss unbedingt etwas trinken, ach, jetzt müsste es ganz lange regnen, regnen, bis Regen durch die Decke tropft, nur ein paar Tropfen …

Samstag

Erwin, schön, dass du deinen alten Kameraden nicht im Stich lässt! Hast du was zu trinken mitgebracht? Dunkles Bier aus Eslohe, das ich so gern trinke. Oder auch nur Wasser, einen großen Schluck …
...Ah!, das tut gut! Komm her, Erwin, sieh mich an, du konntest immer von meinen Lippen lesen. Du verstehst, was ich rede.
...Du meinst, dazu sei es zu dunkel? Ach, das macht doch nichts, erinnere dich, wie wir uns immer unterhalten haben, damals im Lazarett.
...Ich will dir alles erzählen, bitte bleib hier oder, falls du gehen musst, komm schnell wieder, versprich es mir, komm zurück … bitte …

Fortsetzung folgt...
iiim... im Juni .....


Aktualisiert am 11.Mai 2022 | kontakt@niklaus-schmid.de

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