Niklaus Schmid


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März Teil 1

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Formentera
Eine Insel auf dem Weg zur Legende


Auszüge aus "Formentera - Der etwas andere Reiseführer"


Wie war das noch mal mit dem Wikingerprinz Sigurd, den maurischen Piraten und Bob Dylans Schafwollpullover? Diesen Fragen gehe ich in meinem Buch "Formentera - Der etwas andere Reiseführer" nach. Mal berichte ich aus der Vergangenheit, beispielsweise von den Phöniziern, die auf der Insel die ersten Salzbecken bauten, oder von den Arabern, die ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem anlegten. Dann wieder springe ich zurück in die Gegenwart, erwähne neuzeitliche Legenden, schreibe über die Tier- und Pflanzenwelt oder erzähle Geschichten von Künstlern und Charakterkäuzen. Auszüge, wie gesagt, und zwar im monatlichen Wechsel.

März Teil 1


Von der Jagt auf Exoten ...

So ging mein Brief im Februar zu Ende: Von dem Schock musste sich Paul erholen, und das ging natürlich nur auf dem „verrückten Hundeknochen“ ...
All das, mein Freund, passierte im vergangenen Jahr. Aber in diesem Winter, glaub es mir, kam es ganz anders. Kaum war die Saison gelaufen, verzogen sich die meisten Dauergäste. Wer Geld hatte, ging nach Goa oder Bali. Wer keins hatte, ging nach Oberkassel, Schwabing oder Reckling-_
hausen, um welches zu machen. Nur Pflanzen und ein paar Landschafts-
fotografen können mittels Fotosynthese leben.
Ja, mein Freund, wie schon gesagt, Aussteigen ist noch leicht, überleben schon sehr viel schwieriger. Einer unter uns, der hockte Jahr für Jahr mit der Geduld eines Uhrmachers auf der Fonda-Mauer, und schließlich gelang es ihm, unter all den Besuchern, die mit der Kamera und schönen Worten Jagd auf Exoten machten, den einzigen echten Mäzen herauszufiltern. Nun hockt Bernard nur noch zu Hause und arbeitet an seinem sechsten, bereits bezahlten Gemälde; zwanzig hat sein Gönner, ein Senator aus Stuttgart, bestellt.
Was tun andere?

… der Suche nach einem dürren Modell ...

Ich mache mich auf die Suche nach dem harten Kern der Überwinterer, treffe ein Mitglied, frage und kriege die Antwort: „Stör mich nicht, bin auf Sauftour!“
Das muss man respektieren. Ich unterhalte mich mit Mogens Egil, will von ihm wissen, was die Künstler so machen.
„Wieso die Künstler?“, beißt er prompt an. „Hier gibt es doch nur einen.“
„Also gut, was machst du in diesem Winter?“
„Na, ich baue ein Regal, suche ein dürres Modell und onaniere genau wie im Frühling und Sommer.“
Warum das so schwierig sei — mit, ähm, dem dürren Modell?
„Na, bei der Kälte will sich doch kein Aas ausziehen.“
Langsam, mein Freund, dämmert Dir die Situation, nicht wahr? Der große Masturbator, geehrt sei er im Namen Dalí, macht sich auf der Insel breit.

… und dem Warten auf Ostern

Ansonsten wird in den Pinienwäldern auf Teufel komm raus Kaminholz gehackt. Die rauen Winde wehen, der Mestral aus Nordwest, der Gargal aus Nordost. Hunde heulen in der Ferne, die Insel zieht sich die Schlafdecke über die Nase.
Wann sie wieder erwacht?
Wenn wieder warm die Sonne scheint. Dann kommen die Mädchen, dann öffnen die Boutiquen und Kneipen, dann gehen die Jachten vor Anker, dann stehen wieder die Fahrräder in Reih und Glied, dann diskutieren Kenner und Könner darüber, ob Kunst nur in den Metropolen oder in Randgebieten entsteht. Dann wird Formentera für Monate wieder zum Fluchtpunkt im Mittelmeer.
Doch bis dahin ist Ruhe.
Bis wann?
Ostern!
Also, bis dann!
„Aus dem Weg, Kühe“, schrie Aureliano Segundo im Festestaumel. „Aus dem Weg, das Leben ist kurz!“


Fortsetzung folgt...
am 15. März...
amaa...a.a....


Aktualisiert am 1. März 2021 | kontakt@niklaus-schmid.de

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